Alpenverein auf Gratwanderung: Streit schwelt

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Josef Klenner, der neue Präsident des DAV.

München - Der Deutsche Alpenverein steht vor einer Zerreißprobe: Das stete Wachstum bringt Macht und Einfluss - doch vor allem altgediente Mitglieder sehen keine klare Linie mehr.

Und jetzt auch noch Toyota. Ausgerechnet der Deutsche Alpenverein (DAV), der sich den Naturschutz auf die Fahnen geschrieben hat, kooperiert mit einem Autohersteller. Seit Monaten schon beuteln interne Debatten um die Unterstützung für Olympia 2018 und den abrupten Rücktritt von Präsident Heinz Röhle den Verein. Nach der Hauptversammlung vor zehn Tagen in Osnabrück schien die Führungs- und Richtungskrise mit der Wahl eines neuen Präsidenten wenigstens nach außen beigelegt. Da tauchte ein Schreiben vom September auf, in dem der Dachverband seine Sektionen anregt, mit Toyota-Händlern gemeinsame Aktionen zu starten. Händler könnten Autos etwa in Kletterhallen präsentieren, dafür könnte die Sektion einen Kletterturm vor dem Autohaus betreuen, heißt es in dem Papier.

“Verkauft sich der Alpenverein an Toyota?“, fragte daraufhin eine Zeitung. Mitglieder reagierten pikiert - sie fürchten, dass sich der Verband immer mehr von seinen ursprünglichen Zielen und Werten entfernt. Am Mittwochabend wollen der neue Präsident Josef Klenner und Hauptgeschäftsführer Thomas Urban dazu Stellung nehmen. “Am meisten stört mich der Vertrauensmissbrauch“, schimpft der Sektionsvorsitzende von Tölz, Martin Pfund. Sponsoring sei ja in Ordnung. “Wir brauchen Geld. Wenn das für die Jugendarbeit und den Umweltschutz ausgegeben wird, passt alles. Aber jede Werbung muss als solche erkennbar sein“, sagt er. “Hier wird der Eindruck erweckt, dass wir Toyota geprüft hätten und jetzt als umweltfreundlich anpreisen. Das ist ein Schlag ins Gesicht für jeden Umweltfachmann. Unsere Arbeit wird unglaubwürdig gemacht.“

Urban hingegen verweist auf eine “intensive Diskussion im Präsidium“, die der schon vor drei Jahren besiegelten Kooperation vorangegangen sei. “Natürlich ist es die Frage: Ist eine Kooperation mit einem Autohersteller sinnvoll - neben einer Kooperation mit Bahn.“ Aber: Ins Gebirge komme man oft nicht ohne Wagen, und Toyota baue relativ umweltfreundliche Autos. “Wir bewerben die Hybridfahrzeuge.“ Toyota ist nur eines der Themen, die den mit 850.000 Mitgliedern weltgrößten Bergsteigerverband vor eine Zerreißprobe stellen. Naturschutz versus Sportverband, Macht und Einfluss versus unbequeme Umweltziele - die Richtung des stetig wachsenden DAV scheint vielen nicht mehr klar. Und auch die kommerzielle Reise-Tochter Summit Club war manchem von Anfang an ein Dorn im Auge. Etwa Klettersteige lehnen Umweltschützer und traditionelle Bergsteiger ab. Der DAV beteiligt sich nach langer Diskussion dennoch am Bau - um die Entwicklung wenigstens umweltfreundlich mitzugestalten, so das Argument. Und da ist noch ein Konflikt: Die Ehrenamtlichen sehen sich als Kämpfer für die Sache - und werfen den Hauptamtlichen Machtstreben und Profitgier vor.

Streit um Olympia 2018

Olympia oder NOlympia - hier treffen die Gegensätze am stärksten aufeinander. Der DAV wolle in der Bewerbungsgesellschaft kritisch das Verfahren begleiten und Umweltschutz durchsetzen, hatte Röhle noch als Präsident zu Jahresbeginn angekündigt und klargestellt: “Wenn das nicht gelingt, sind wir aus der Bewerbungsgesellschaft draußen.“ Der DAV ist weiter in der Bewerbungsgesellschaft - dafür ist Röhle nach einer turbulenten Sitzung im Sommer nicht mehr dabei. Ihm folgte einer der Vizepräsidenten, Ulrich Kühnl, der sich mit seinem Rücktritt von einem “ADAC der Berge“ verabschiedete. “Ich bin vermutlich das erste Olympiaopfer“, sagt Röhle heute. Seiner Meinung nach hätte der DAV sich inzwischen aus der Bewerbungsgesellschaft zurückziehen müssen, weil vom Präsidium beschlossene Bedingungen nicht erfüllt sind.

Nach Urbans Auffassung hingegen sind die Forderungen gewährleistet. “Deshalb gibt es im Moment keinen Grund auszusteigen.“ Ein Rückzug des DAV als einer der größten deutschen Umweltverbände und Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) könnte die Bewerbung ernsthaft gefährden. Schon die Ablehnung von Bund Naturschutz in Bayern und Deutscher Naturschutzring (DNR) hatte zusätzlich zu den Querelen mit den Anwohnern in Garmisch und Oberammergau die Bewerbung beim IOC nicht gerade gefördert. Jetzt ist Josef Klenner Präsident. Der 60-Jährige führte den DAV schon von 1992 bis 2005. Ob er Frieden bringen kann, ist fraglich. Die Kluft reicht tief in die Mitgliederschaft hinein.

“Ich wünsche mir einen DAV, der klar und deutlich Ja sagt zum Schutz und Erhalt der Bergwelt. Gerne auch auf Kosten von Mitgliedern, die diesen Weg nicht mitgehen wollen“, verlangt etwa ein Mitglied im DAV- Internetforum. Eine Projektgruppe sei zur Überarbeitung und Überprüfung des Leitbildes ins Leben gerufen worden, sagt Urban. “Wir müssen genau schauen: Für welche Werte stehen wir ein.“ Röhle freilich spricht von einem “Schwafelverein“. Es gehe nicht um Protest gegen Einzelprojekte wie die umstrittene Aussichtsplattform Alpspix in Garmisch. Es gehe darum, wie die Alpen in Zukunft genutzt werden sollten. Diese Grundsätze seien bei der Zukunftswerkstatt “Berg.Schau!“ 2008 auf den Weg gebracht worden. “Das muss jetzt nur endlich umgesetzt werden.“

dpa

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