"Alter, es geht voll ab" - Mai-Krawalle in Hamburg

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Ein Wasserwerfer im Hamburger Schanzenviertel

Hamburg - Rund um den 1. Mai hatten eigentlich alle nach Berlin geschaut. In der Hauptstadt wurde - mal wieder - mit heftigen Gewaltausbrüchen gerechnet. Doch in diesem Jahr gab es vor allem in Hamburg schwere Ausschreitungen.

In einer Bäckerei im Hamburger Schanzenviertel krakeelt ein betrunkener Jugendlicher in sein Handy. “Alter, hier ist 1. Mai, es geht voll ab, es ist voll geil!“ Durch das Schaufenster sind Wasserwerfer und Blaulicht zu sehen, ab und zu hört man das Klirren von Glas und scheppernde Lautsprecherdurchsagen der Polizei. Rund um den 1. Mai hatten eigentlich alle nach Berlin geschaut. In der Hauptstadt wurde - mal wieder - mit heftigen Gewaltausbrüchen gerechnet. Doch in diesem Jahr gab es vor allem in Hamburg schwere Ausschreitungen.

Dabei hatten sich die Sicherheitsbehörden in der Hansestadt ursprünglich auf einen weitgehend friedlichen Tag der Arbeit eingestellt. Der Grund: Die Autonomen Hamburgs waren nach Einschätzung der Beamten nach Berlin und Rostock gereist, um dort gegen Aufmärsche der rechtsextremen NPD zu demonstrieren. “Die Hauptmusik spielt woanders“, hieß es bei der Polizei. Hamburg hatte daher sogar Beamte nach Berlin geschickt. Doch noch während der Krawalle wurden Polizisten mit Hubschraubern in die Hansestadt zurückgeflogen.

Probleme machte den Beamten vor allem das, was Polizeisprecher Ralf Meyer “erlebnisorientiertes Partyvolk“ nennt - wie etwa den jungen Mann aus der Bäckerei. Unpolitische “Krawallkids“ also. 500 bis 700 gewaltbereite Jugendliche hätten in der Nacht zum Sonntag im Schanzenviertel randaliert, sagte Meyer. “Das war etwas, das wir nicht so eingeschätzt haben.“ Überwiegend jugendliche Randalierer hatten die Polizei bereits in der Walpurgisnacht zum 1. Mai mit Krawallen überrascht. Sie bewarfen die Beamten mit Flaschen und Steinen und zündeten Barrikaden aus Möbeln und Müll an.

Mai-Krawalle: Bilder der Gewalt

Mai-Krawalle: Bilder der Gewalt

Das ging in der Nacht zu Sonntag so weiter. Die sogenannte revolutionäre 1. Mai-Demonstration unter dem Motto “Kapitalismus abschaffen“ war am Samstagabend zwar noch friedlich verlaufen. Es dominierten - umringt von Hundertschaften mit Schutzhelmen und Schlagstöcken - bunte gekleidete Demonstranten, nicht schwarz gekleidete Vermummte.

Doch kaum ist die Demonstration beendet, geht es los. Einsatzkräfte werden mit Flaschen, Steinen und Feuerwerkskörpern attackiert, die Polizei kontert mit Wasserwerfern und Schlagstöcken. Die Krawalle dauern bis zum frühen Sonntagmorgen. Der Eingangsbereich einer Filiale der Deutschen Bank wird verwüstet, die Scheiben der Hamburger Sparkasse unweit des alternativen Kulturzentrums “Rote Flora“ werden wie beinahe jedes Jahr eingeworfen.

Die Randalierer plündern auch einen Drogeriemarkt und werfen Autos um. In diesem Jahr konzentrieren sich die Ausschreitungen allerdings nicht nur auf die Umgebung der “Rote Flora“, sondern sind über das ganze Schanzenviertel verteilt. Auch in Nebenstraßen brennen Altpapiercontainer. Am Sonntag meldet die Polizei für das Wochenende insgesamt rund 30 leicht verletzte Beamte; 77 Menschen werden fest- oder in Gewahrsam genommen.

Wer in der Nacht zum Sonntag durch das Schanzenviertel streift, sieht bizarre Situationen: Da posieren Jugendliche mit Bierflaschen in der Hand vor Wasserwerfern und lassen Handyfotos von sich machen. In den Kneipen geht - mit Aussicht auf Wasserwerfer und Polizeitrupps - der normale Wochenendbetrieb weiter. Schaulustige drängen sich an den Eingängen und beobachten das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Nur wenige Leute sind wirklich genervt: Die Anwohner, denn sie finden wegen der Polizeiabsperrungen kaum einen Weg nach Hause.

dpa

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