Berlin verlost Plätze am Gymnasium

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Künftig soll in Berlin das Los entscheiden, welche Schüler aufs Gymnasium dürfen.

Berlin - Die Bundeshauptstadt Berlin will künftig per Los entscheiden, wer auf die begehrten Gymnasien darf und wer nicht - zumindest teilweise.

Mehr “Chancengerechtigkeit“ soll das bringen, eine bundesweit einmalige Lösung, wie die Bildungsverwaltung nicht ohne Stolz betont. “Schüler-Lotto“, schimpfen dagegen die Kritiker, “Prinzip Zufall“ ersetze “Prinzip Leistung“.

Doch der rot- rote Senat ist sich einig: Gibt es an einer Schule mehr Anmeldungen als Plätze, werden 30 Prozent verlost. Nach der Einigung vom Mittwoch dürfen Schulen zudem mindestens 60 Prozent der Plätze nach eigenen Kriterien selbst vergeben, bis zu 10 Prozent bleiben für Härtefälle.

Auch schlechte Grundschüler kommen aufs Gymnasium

Nach langer hitziger Debatte ist damit auch klar: Per Los können es auch schlechte Grundschüler aufs Gymnasium schaffen - und haben sie ein Probejahr überstanden, müssen sie es gegen den eigenen Willen nicht mehr verlassen. Es kam viel zusammen bei diesem Kompromiss: ehrgeizige Bildungsziele, gesellschaftspolitische Idealvorstellungen und ein Senator, der seine Pläne vorstellt, bevor er sich seiner eigenen Leute sicher sein kann.

Das Los ist Teil einer großen Reform, mit der der Senat gegen die Defizite der Hauptstadt-Schulen angehen will. Viele Schüler brechen die Schule ab, besonders die mit ausländischen Wurzeln schneiden schlecht ab. Die Probleme ballen sich in den 43 Hauptschulen. Die schafft der Senat nun ab, ebenso die 100 Real- und Gesamtschulen. Vom übernächsten Schuljahr an soll es nur noch eine Sekundarschule neben den Gymnasien geben, deren Zahl derzeit bei 93 liegt.

Sitzenbleiben soll Ausnahme bleiben

“Wir werden als erste das System der Zweigliedrigkeit einführen können“, sagt Bildungssenator Jürgen Zöllner ( SPD ) selbstbewusst und hofft, Hamburg und Schleswig-Holstein zu überholen. Im neuen System verspricht er Ganztagsbetreuung und individuelle Förderung. Beide Schulformen sollen den Weg zum Abitur öffnen - die Sekundarschule nach 13 Schuljahren, das Gymnasium nach 11 oder 12 Jahren. Sitzenbleiben und Schulwechsel sollen die Ausnahme bleiben.

Gymnasium und Sekundarschule sollen denn auch “völlig gleichwertig“ sein, wie Zöllner betont. Damit kommt er der Linken entgegen, die am liebsten nur eine Schule für alle gehabt hätte. “Wir wollen den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft trennen“, sagt ihr Bildungspolitiker Steffen Zillich. Denn nirgendwo in Deutschland ist dieser Zusammenhang laut Studien so stark wie in der Hauptstadt.

Losverfahren: Noten spielen keine Rolle

So kam das Los ins Spiel: Eigentlich entscheiden in Berlin die Eltern, auf welche weiterführende Schule ihr Kind nach der sechsten Klasse geht. Auch eine Grundschulempfehlung gibt es nicht. Weil die Linke aber auf vielen Gymnasien zu viele behütete Akademiker-Kinder wähnt, rang sie Zöllner das Losverfahren ab. Noten spielen dabei keine Rolle. Untergegangen ist in der Debatte, dass die Schulen die übrigen Schüler selbst auswählen dürfen und damit endlich ihr Profil schärfen können.

Wenn das neue Prinzip Glück im Berliner Schulsystem in Zukunft nicht jeden glücklich machen sollte - einer freut sich schon: Andreas Wegener, der Landesvorsitzende des Verbands Deutscher Privatschulen. “Jede Verunsicherung in der Bevölkerung führt dazu, dass sich die Leute über Schulen privater Träger Gedanken machen.“ Jedes Jahr öffneten fünf bis acht neue Privatschulen in der Hauptstadt, und die Gründer seien meist unzufriedene Eltern.

Von Burkhard Fraune, dpa

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