Neurologische Veränderungen

Coronavirus kann Nerven und Gehirn befallen: Mediziner erklärt Symptome

Auswirkungen einer Corona-Infektion: Auch das Nervensystem kann betroffen sein 
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Auswirkungen einer Corona-Infektion: Auch das Nervensystem kann betroffen sein 

Neue Erkenntnisse zum Coronavirus: Eine Infektion kann auch das Nervensystem betreffen. Ein Mediziner erklärt die Symptome der Krankheit.

  • Das Coronavirus breitet sich weiter in der Region Kassel aus
  • Nun gibt es neue Erkenntnisse zu den Auswirkungen einer Corona-Infektion
  • Interview mit Prof. Dr. Julian Bösel, Direktor der Klinik für Neurologie am Klinikum Kassel

Kassel - Eine Infektion mit Corona kann auch das Nervensystem betreffen. Über diese neuen Erkenntnisse sprachen wir mit Prof. Dr. Julian Bösel, dem Direktor der Klinik für Neurologie am Klinikum Kassel.

Herr Prof. Bösel, bislang ist Covid-19 vor allem als Atemwegserkrankung bekannt. Inwiefern ist das Coronavirus auch ein Fall für die Neurologie?

Es haben sich durch mehrere Berichte aus China, Japan, Italien, Frankreich und zuletzt auch aus den USA Hinweise ergeben, dass das Coronavirus auch das Nervensystem befallen kann – sowohl das periphere als auch das Gehirn, wie an neurologischen Symptomen deutlich wird.

Welche Symptome sind das?

Relativ häufig sind Riech- und Geschmacksstörungen, die wohl zwar meist den Befall von bestimmten Schleimhautzellen widerspiegeln, aber auch ein Hinweis sein können, dass Nerven und Gehirn betroffen sind. Auch Kopf- und Muskelschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Erbrechen, Halluzinationen, Bewusstseinsstörungen, epileptische Anfälle, Nackensteifigkeit bis hin zu neurologischen Ausfallerscheinungen können Symptome sein.

Corona in Kassel: Neue Symptome bei schweren Verläufen 

Treten diese Symptome denn schon auf, bevor Patienten positiv getestet wurden oder kommen sie zu den häufigen Symptomen wie Husten und Fieber hinzu?

Beides wurde beschrieben. Es kann sich dabei tatsächlich schon um frühe Symptome handeln und somit ein Hinweis sein, sich auf eine Corona-Infektion testen zu lassen. Genauso ist möglich, dass andere, typische Symptome fehlen. Bei milden Verläufen scheinen die neurologischen Begleiterscheinungen nach einigen Tagen wieder zu verschwinden.

Wie funktioniert der Eintritt des Coronavirus ins Gehirn überhaupt?

Der häufigste Weg führt vermutlich über das Blut und wird als hämatogene Ausbreitung bezeichnet: Das Virus kann über das sogenannten ACE2 als Rezeptor auf Gefäßwandzellen andocken und sich zu den Hirnzellen, die ebenfalls ACE2 tragen, durcharbeiten. Die andere Route führt scheinbar über Nerven, die mit Gehirn und Rückenmark verbunden sind.

In der Riechschleimhaut beispielsweise könnten Nervenzellen befallen werden und das Virus über den Riechkolben ins Gehirn schleusen. Auch über andere Hirnnerven, beispielsweise vom Rachen oder den Atemorganen aus, kann das Virus zum Hirnstamm gelangen.

Corona in Kassel: Neue Erkenntnisse zum Virus 

Sind diese Erkenntnisse neu?

Diese Verhalten haben Wissenschaftler auch bei anderen Coronaviren entdeckt, zum Beispiel bei denen der MERS- und SARS-Erkrankungswellen. Den Beweis, dass auch Sars-CoV-2, also im Rahmen von Covid-19, das Nervensystem betreffen kann, lieferte kürzlich ein japanischer Patient. 

Bei ihm wurde während einer Hirn- und Hirnhautentzündung mit epileptischen Anfällen das Virus erstmals im Nervenwasser nachgewiesen. Ein anderer Patient in den USA starb nach neurologischen Symptomen und wurde obduziert. Bei ihm wurde das Virus in Nerven- und Gefäßwandzellen des Gehirns gefunden – als Hinweis auf eine Ausbreitung über das Blut.

Welche Auswirkungen kann der Befall des Nervensystems haben?

Direkte Auswirkungen sind etwa Enzephalitis (Hirnentzündung), Meningitis (Hirnhautentzündung) oder deren Kombination, die Meningoenzephalitis. Es gibt aber auch indirekte Auswirkungen wie Schlaganfälle: Das Coronavirus führt zu Veränderungen des Bluts und zu dessen Gerinnung. Covid-19 Patienten haben somit eine erhöhte Neigung zu Thromben. Das erklärt, warum ein Teil der Covid-19-Patienten eine Lungenembolie erleidet. Aktuell gibt es Berichte aus den USA, wo auch junge Corona-Patienten Schlaganfälle erleiden, die dafür sonst kein erhöhtes Risiko hatten.

Corona in Kassel: Studie an Klinikum zu Corona-Patienten mit schweren Verläufen 

Welche Erfahrungen haben Sie bisher am Klinikum gemacht?

Wir Neurologen erkennen das Problem gerade erst. Unsere Klinik koordiniert mit der Ludwig-Maximilians-Universität München eine Studie, die deutschlandweit Patienten mit intensivstationären Verläufen und Beteiligung des Nervensystems erfasst, um Muster und Therapiechancen zu erkennen. 

Ganz konkret haben wir in unserer regulären Notaufnahme und auch in der davon getrennten, eigens für Covid-19-Patienten eingerichteten Notaufnahme (Covid Care Unit, CCU) unser Screening um die genannten neurologischen Symptome erweitert. 

Neurologische Ausfallerscheinungen sind übrigens immer Warnanzeichen, mit denen Patienten grundsätzlich ins Krankenhaus kommen sollten. Bei aller gebotenen Aufmerksamkeit, die Covid-19 gerade erfährt, darf dies nicht dazu führen, dass Patienten mit solchen Symptomen aus Sorge vor Ansteckung mit dem Virus die Vorstellung in der Klinik vermeiden, das gilt besonders für Patienten mit Schlaganfallverdacht.

Von Anja Berens 

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