Droht uns wirklich eine Gletscher-Flut?

+
Millionen Fernsehzuschauer wurden am Montagabend Zeugen eines bedrohlichen Szenarios.

München - Millionen Fernsehzuschauer haben im ZDF-Film Gletscherblut gesehen, wie das Schmelzwasser eines Alpengletschers beinahe ein Tal zerstört hätte. Drohen uns tatsächlich solche Flutwellen?

Millionen Fernsehzuschauer wurden am Montagabend Zeugen eines bedrohlichen Szenarios. Der ZDF-Film Gletscherblut zeigte, wie das Schmelzwasser eines Alpengletschers beinahe ein Tal zerstört hätte. Drohen uns tatsächlich solche Flutwellen, gerade in Zeiten des Klimawandels?

Im Film bestand die ­Gefahr vor allem aus einer sogenannten Gletschertasche. Das sind Seen im Inneren eines Gletschers. Sie entstehen, wenn Schmelzwasser nicht abfließen kann, sondern sich in einem Hohlraum des Eispanzers staut. Hält das Eis dem Druck des Wassers nicht mehr stand, kann der ­Gletscher regelrecht explodieren, und ungeheure Wassermassen donnern ins Tal.

Ähnliches TV-Event: Vulkan-Ausbruch in der Eifel

TV-Event: Vulkan-Ausbruch in der Eifel

„In der im Film angedeuteten Größenordnung ist das in den Alpen bisher einmal vorgekommen“, sagt der Gletscherforscher (Glaziologe) Dr. Wilfried Hagg von der Universität München. „Am Mont Blanc hat im Jahr 1892 der explosions­artige Ausbruch einer ­Wassertasche 200 Menschen das Leben gekostet.“ Es war ein lauer Juliabend, als die Welle aus Wasser, Schlamm und Gestein das Kurstädtchen St. Gervais am Fuß des Tête-Rousse-Gletschers überflutete. Sie riss Häuser, Bäume und Menschen mit flussabwärts in Richtung Genfer See.

In den Alpengletschern bilden sich meist nur kleine Wassertaschen, die sich irgendwann entleeren, ohne großen Schaden anzurichten. Von der Oberfläche aus sind diese tickenden Wasserbomben kaum zu erkennen. Deshalb tauchten 2004 Glaziologen in einen Mont-Blanc-Gletscher, um große Wassertaschen zu suchen. Sie konnten Entwarnung geben.

Im ZDF-Film wurde die Gefahr einer Wassertasche zusätzlich verschärft durch einen oberflächlichen Eisstausee; die Wassermassen hätten sich bei einem Ausbruch vereint. „Diese Kombination ist in Wirklichkeit eher unwahrscheinlich“, sagt Hagg. Aber: Auch Eisstauseen alleine können bei einem plötzlichen Abfluss schlimme Folgen haben, wie 1947 in den Anden, als 7000 Menschen in den Fluten starben. Um solchen Katastrophen vorzubeugen, wird zum Beispiel am Schweizer Aletschgletscher ein Eisstausee durch einen künstlichen Stollen entwässert.

Eine Sprengung wie im Film wäre laut Hagg zumindest theoretisch denkbar. Und auch das „Gletscherblut“ hat einen realen Hintergrund, wie der Experte erklärt: „Glaziologen verwenden rot gefärbtes Wasser, um dem Innen­leben von Gletschern auf die Spur zu kommen. Man kann damit zum Beispiel die Fließzeiten von Schmelzwasser bestimmen.“

IW

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare