Wie gefährlich ist EHEC im Wasser?

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Idyllisch fließt der Erlenbach im Taunus zwischen Bad Homburg und Frankfurt und schwemmt die gefährliche Ehec-Variante O104:H4 mit sich.

Berlin - Die EHEC-Gefahr ist wieder da. Dabei hatten laut einer Umfrage im Auftrag der BamS die Menschen gerade wieder Vertrauen in Obst und Gemüse bekommen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen, die sich jetzt zur Darmseuche stellen.

 85 Prozent essen wieder Tomaten, Gurken und Salat, vor drei Wochen waren es nur rund 40 Prozent. Nun gibt es neben Sprossen eine neue Infektionsquelle: ein Bach nahe Frankfurt. Letzte Woche stieg die Zahl der EHEC-Toten auf 39; zu insgesamt 2610 moderaten EHEC-Fällen kamen bislang laut Robert-Koch-Institut 798 schwere Krankheitsverläufe, verursacht durch ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS). Aber wenn das Killer-Bakterium nun im Wasser ist – ist es dann bald überall? Wir beantworten die wichtigsten Fragen, die sich jetzt zur Darmseuche stellen.

Welche neuen ­Erkenntnisse um EHEC gibt es?

Der bislang auf Sprossen nachgewiesene Darmkeim ist nun auch in einem Bach in der Nähe von Frankfurt nachgewiesen worden. Ob die Konzentration ausreichen würde, um zu Krankheitsfällen zu führen, ist bislang unklar. Aus dem Erlenbach wurden weitere Proben entnommen, deren Analyseergebnis allerdings frühestens heute feststeht. Dafür haben Forscher herausgefunden, dass das neue, aus der Kreuzung von zwei bisher schon bekannten Bakterienarten entstandene O104:H4-Bakterium extrem widerstandsfähig ist. Es überlebe laut Wissenschaftlern der Uniklinik Münster (UKM) in ungünstiger Umgebung, sogar wochenlang im Kühlschrank. Außerdem kann sich das Bakterium auch von einem Infizierten auf Lebensmittel übertragen.

Woher kommt der Erreger aus dem Erlenbach?

Das ist nicht sicher. In dem Flüsschen waren schon früher öfters EHEC-Keime gefunden worden, bislang allerdings immer nur harmlosere Varianten. Aktuell untersucht wurde der Erlenbach, weil nur wenige hundert Meter entfernt auf einem Gemüsehof EHEC an Salat nachgewiesen wurde. Das O104:H4 könnte aus der im Oberlauf angesiedelten Kläranlage von Bad Homburg/Ober-Erlenbach stammen. Die Proben von dort sind ebenfalls noch nicht ausgewertet.

Können Bakterien denn ­eine Kläranlage überstehen?

Ja. Laut hessischem Umweltministerium vermindern Kläranlagen zwar die Keimkonzentration, auf null bringen können sie sie aber nicht.

Ist es überraschend, dass nun der EHEC-Erreger auch in Gewässern auftaucht?

Nein, sagt Prof. Helge Karch vom UKM in Übereinstimmung mit Prof. Andreas Hensel vom Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin. Denn die vielen EHEC-Kranken scheiden den Keim ja zwangsläufig aus. So gelangt er wieder in die Umwelt – über die Toilette, die Kanalisation und das Klärwerk also möglicherweise auch in Flüsse oder Seen. Und kann sich dann, wo immer er ankommt, einnisten. Prof. Karch: „Der Erreger bildet eine Schleimschicht, in der er auch längere Zeiträume gut übersteht.“

Ist unser Trinkwasser in ­Gefahr?

Zumindest im Fall des Erlenbaches nicht, denn der weist keine Verbindung zur Trinkwasserversorgung auf. Grundsätzlich überprüfen Wasserwerke und Gesundheitsbehörden laufend die Wasserqualität. Eher gefährdet sind Menschen, die aus privaten Brunnen trinken.

Dürfen wir noch in Seen und Flüssen Baden gehen?

Das Umweltbundesamt hat bislang keine generellen Badeverbote ausgesprochen. Gleichwohl warnt es davor, dass in Gegenden mit vielen EHEC-Patienten eine Übertragung des Keimes in einem Gewässer denkbar ist. Vom Baden in hessischen Flüssen und Bächen rät das dortige Umweltministerium hingegen grundsätzlich ab. Zudem sollte man kein Wasser daraus trinken. Auch bei uns sind laut Bayerischem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit rund 20 Prozent der Flüsse über die Grenzwerte hinaus belastet.

Können Keime im Wasser unsere Lebensmittel verseuchen?

Wenn man das Wasser zum Waschen oder Gießen etwa von Gemüse verwendet, sehr wohl. Deswegen muss laut Umweltbundesamt Wasser aus Bächen, Seen oder Regenwasser, das zur Bewässerung von Lebensmitteln für den Rohverzehr genutzt wird, bestimmten Normen entsprechen.

Und wenn das Wasser trotzdem EHEC-verseucht ist?

Bei einem landwirtschaftlichen Betrieb kommt es darauf an, ob der Keim auf dem Lebensmittel wachsen kann, denn für eine Infektion braucht es eine bestimmte Anzahl an Keimen auf dem Lebensmittel. Bei Sprossen etwa ist die Gefahr hoch, denn sie benötigen ähnliche Temperaturen wie Bakterien. Generell gilt: Man kann das betroffene Lebensmittel trotzdem essen, wenn es bei 70 Grad für wenigstens zehn Minuten durcherhitzt oder zumindest hygienisch sauber geschält wird.

Wann haben wir die EHEC-Seuche endlich hinter uns?

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) geht davon aus, dass der Scheitelpunkt der EHEC-Welle überwunden sei.

Was tut die ­Politik?

Bahr will sich für eine Verbesserung des Meldeverfahrens von Krankheitsfällen einsetzen.

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