Anschlag mit elf Toten

Terror in Hanau: Tiefe Verunsicherung bei Anwohnern: „Ich werde Deutschland verlassen“

Hanau, am zweiten Tag nach den Terror-Anschlägen. Ratlosigkeit und Verunsicherung herrschen in der Stadt. Besonders die Hanauer mit Einwanderungsgeschichte fragen sich, ob die Gefahr gebannt ist.

  • Terror in Hanau: Elf Menschen sterben bei einem rechtsextremen Anschlag* in Shisha-Bars.
  • Der mutmaßliche Täter Tobias R. ist einer der Toten.
  • Bei den Anwohnern herrscht eine tiefe Verunsicherung.

Hanau – „Unsere Liebe ist stärker als euer Hass“, hat jemand in roter und grüner Farbe an das Fenster des „Arena Bar & Café“ geschrieben. Der Parkplatz vor dem normalerweise rund um die Uhr geöffneten Kiosk mit angeschlossener Shisha-Bar ist wieder freigegeben. Dennoch ist hier nichts wie sonst. Vor dem Kiosk geben Anwohner Interviews. Noch immer sind Fernsehteams am Ort des Geschehens. Auch die Polizei bewacht noch mit einigen Beamten den abgesperrten Kiosk.

Terror-Anschlag in Hanau: Anwohner sahen mutmaßlichen Täter schon früher am Tatort

Immer noch kommen Menschen an den Tatort in der Weststadt in Hanau (Alle Infos zum Anschlag in Hanau im Live-Ticker). Drei junge Frauen legen rote Rosen nieder. Einige der Anwesenden unterhalten sich über ein Foto, das eine Frau auf ihrem Handy zeigt. Darauf ist der Todesschütze Tobias R. in einem Wettbüro zu erkennen. Auch im „Arena Bar & Café“ will ihn einer der Anwesenden schon gesehen haben. Er soll dort Wasser gekauft haben. Es hat den Anschein, als hätte er das Anschlagsziel ausgekundschaftet.

Ein Tunesier, der nur Bekir genannt werden will, zeigt ein Foto von einem Graffito in einer Durchfahrt, keine 50 Meter vom Tatort entfernt. Jemand hat die Webadresse der Homepage von Tobias R. an die Wand gesprüht. Bekir sagt, dass ihm der seltsame Schriftzug schon vor einiger Zeit aufgefallen sei. Er gehe täglich durch die Durchfahrt, auf die gegenüberliegende Wand sind Meerestiere gemalt. „Ich bringe den Kindern bei, wie die heißen“, sagt Bekir. Die Webadresse ist mittlerweile mit grauer Farbe übermalt worden.

Hanau: Tiefe Verunsicherung bei Bürgern mit Migrationshintergrund

„Ich werde Deutschland verlassen“, sagt Bekir, der seit über 20 Jahren hier lebt. Er arbeitet als Paketbote. Er fühlt sich nicht mehr sicher, sagt er. Es machen Gerüchte die Runde. Bekir fragt sich, ob Tobias R. wirklich nur ein Einzeltäter war. Er spielt eine Sprachnachricht vor. Jemand erzählt, dass er am Tag vor dem Attentat mit der Pistole bedroht worden sei. Es war nicht Tobias R. Aber Bekir spielt auch eine Aufnahme vor, auf der jemand vor einem bevorstehenden Naziaufmarsch in Hanau* berichtet – erwiesenermaßen eine Falschmeldung.

Der erste Schock klingt langsam ab. Was bleibt, ist eine tiefe Verunsicherung. Am Brüder-Grimm-Denkmal halten Passanten inne, manche bringen Blumen und Kerzen. Die Ratlosigkeit ist greifbar. Bei der Mahnwache fassen sich die Menschen an den Händen, bilden eine Kette.

Terror-Anschlag in Hanau: Weiterhin hohe Polizeipräsenz an den Tatorten

Für Verunsicherung sorgt auch die immer noch auffällig starke Polizeipräsenz. Mannschaftswagen fahren durch die Stadt, halten an, manchmal in Seitenstraßen, die nach allem, was bekannt ist, nicht mit der Tat in Verbindung stehen. Der Heumarkt, einer der Tatorte, ist weiter abgesperrt. Offenbar sind noch nicht alle Spuren am Tatort gesichert. Der Spuk ist noch nicht vorüber.

Ein Restaurantbesitzer berichtet, dass er seit dem Anschlag kaum geschlafen hat. Er wohnt mit seiner Familie in einem der Eckhäuser am Heumarkt. Seine Kinder haben die Schüsse gehört und das anschließende Chaos mitbekommen. Trotzdem hat er geöffnet, bewirtet seine Mittagsgäste. „Vielleicht hätte ich das Restaurant zulassen sollen“, sagt er. „Aber wenn jetzt alle zumachen – es muss ja auch wieder Normalität einkehren.“

Von Sebastian Schilling

Nach dem Anschlag in Hanau verbreiten soziale Medien und fragwürdige Nachrichtenportale zahlreiche Fake News. Ein Faktencheck.

Nach dem Anschlag: Ein Jugendzentrum in Hanau* ist besonders vom Terror betroffen. Die Jugendlichen dort haben beschlossen, dem Anschlag auf ihre Gemeinschaft zu trotzen.

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Rubriklistenbild: © Nicolas Armer/dpa

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