Interview mit Rainer Maria Schießler

Münchens bekanntester Pfarrer sieht Kirche nach Anschlag als „Beruhiger“

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Pfarrer Rainer Maria Schießler stellt sein Buch „Himmel - Herrgott - Sakrament“ vor. 

München - Pfarrer Rainer Maria Schießler kennen die Menschen auch außerhalb Münchens. Nach dem Anschlag in Berlin schreibt er der Kirche eine besondere Rolle zu: die Rolle als „Beruhiger“. 

An Heiligabend werden viele Menschen in die Kirche gehen - vielleicht auch, um nach dem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin für die Opfer zu beten und eine Botschaft mitzunehmen. Rainer Maria Schießler ist Münchens, vielleicht sogar Bayerns bekanntester katholischer Pfarrer. Früher fuhr er parallel zum Priesterseminar nachts Taxi, lernte „das wahre München“ kennen, wie er selbst sagt. Menschen kennen ihn aus dem Fernsehen und vom Oktoberfest. Von 2006 bis 2012 und im vergangenen Jahr arbeitete Schießler als Bedienung im Schottenhamel-Zelt auf der Wiesn. Das eingenommene Geld spendete er. Er schafft es, dass seine Predigten berühren, nachdenklich machen. Sein im März erschienenes Buch, das auf der Spiegel-Bestseller-Liste steht, heißt „Himmel - Herrgott - Sakrament“ und trägt den Untertitel „Auftreten statt austreten“. Im Interview mit dem Deutschlandfunk sprach er am Freitagmorgen über die Rolle der Kirche, die diese nach dem Anschlag in Berlin einnimmt. Da sich nach einem schrecklichen Ereignis wie dem Anschlag in Berlin oder dem Amoklauf in München vor allem in sozialen Netzwerken schnell Halbwahrheiten, Spekulationen verbreiten, müsse die Kirche die Rolle der „Beruhiger“, „Stabilisatoren“ einnehmen, sagt Schießler.   

Den Menschen, die nach dem Anschlag um einen Angehörigen trauern, zeigen: Ich bin in deiner Nähe

Er gibt zu, dass er nicht wüsste, wie er jemanden trösten solle, dessen Freund oder Verwandter bei dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gestorben ist. Jedes Wort sei oft zu viel und es könne passieren, Unsinn zu reden. „Da muss es einfach schon genügen, nur dem anderen das Gefühl zu geben, ich bin in deiner Nähe.“ Schießler glaubt, es sei sei kaum möglich, sich zu sagen, jetzt sei Heiligabend, der liebe Gott komme, man werde getröstet, und fühle sich plötzlich gut. „Was mache ich dann am 25. Und am 26.? Geht es mir dann nicht mehr gut?“

Berlin trauert um die Opfer des Anschlags - Die Bilder

Der Pfarrer zitiert einen Jugendlichen, der nach dem Anschlag gesagt habe: „Die können vielleicht mit ihrem Lastwagen uns plattwälzen, aber sie werden uns nicht kleinkriegen.“ Genau darin sieht Schießler die Aufgabe der Kirche: „durch Zusammenhalt und durch Solidarität Ruhe reinzubringen, vor allem in die sozialen Medien, in die sozialen Gemeinschaften.“ 

Er werde in seiner Weihnachtspredigt indirekt auf den Anschlag in Berlin eingehen. Er beschäftige sich darin mit der Frage, ob uns nicht eine solche Tat „auf tragische Art und Weise die Augen dafür öffnet, was für ein Weihnachten wir eigentlich feiern: dass Gott genau in diese Welt von Krieg, Terror, Gewalt, Unterdrückung, gegenseitigem Niedermetzeln hineingeboren wird." Schießler kritisiert, die Menschen hätten Weihnachten „zugepflastert mit zu vielen Gefühlen, Stollen und Glühwein“ und auf einmal würde den Menschen bewusst, „in welch eine Welt Gott eintritt“.  

sah

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