Wofür steht das eigentlich?

„Postfaktisch“ ist „Wort des Jahres“ 2016 

Wiesbaden - Das Adjektiv kommt sperrig daher und ist alles andere als konkret. Doch „postfaktisch“ birgt einigen Zündstoff und war prägend für das zu Ende gehende Jahr. 

Das Phänomen ist vielschichtig und nimmt auch gleich mehrere Plätze auf der Rangliste ein: „Postfaktisch“ hat die Gesellschaft für deutsche Sprache zum „Wort des Jahres“ 2016 bestimmt. Das sperrige Adjektiv beschreibt die Entwicklung, dass öffentliche Debatten zunehmend von Stimmungen und Gefühlen und weniger von Fakten bestimmt werden. Dies sei zwar kein Begriff aus der Alltagssprache, räumen die Experten ein. Entscheidend sei jedoch, dass er zentrale Ereignisse des Jahres widerspiegele - von Brexit bis Trump.

Konkret wird die Jury auf Platz zwei. Dort steht das Kunstwort „Brexit“, das den geplanten Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) bezeichnet. Das knappe Votum Ende Juni sei ein „Triumph postfaktischer Politik“ gewesen, denn die Befürworter hätten teils mit gezielten Fehlinformationen gearbeitet, erklären die Sprach-Experten. So sagte etwa der jetzige britische Außenminister Boris Johnson, die EU wolle einen Superstaat errichten - wie einst Napoleon und Hitler.

Auf Platz fünf: „Trump-Effekt“

Auf Platz fünf setzten die Experten den „Trump-Effekt“, der die zu erwartenden Auswirkungen des ebenfalls mit falschen Behauptungen geführten Wahlkampfs Donald Trumps in den USA beschreibt - etwa, der Klimawandel sei erfunden oder der amtierende Präsident Barack Obama habe die Terrormiliz Islamischen Staat (IS) gegründet. Trump habe Fakten verleugnet, Tatsachen verbogen und schlicht gelogen; dass er dennoch gewann, das wäre vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen, sagt der Vorsitzende der Gesellschaft, Professor Peter Schlobinski. Deshalb sieht er einen Wendepunkt erreicht, hin zu einem „postfaktischen Zeitalter“.

Das hat auch schon Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) thematisiert, als sie selbstkritisch auf die für ihre Partei verlorene Berlin-Wahl im September einging. „Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen“, sagte Merkel.

„Postfaktisch“: „Gesellschaftspolitisch von sehr hoher Bedeutung“

Schon zuvor hatte die Kanzlerin davon gesprochen, dass es in Mecklenburg-Vorpommern im Vergleich zwar sehr wenige Flüchtlinge gebe, die Menschen dort aber dennoch besorgt seien - sie also ein subjektives Thema beschäftige. Deshalb müsse man darüber reden, sagte Merkel. Die AfD kam bei der dortigen Landtagswahl aus dem Stand vor der Union auf den zweiten Platz.

„Postfaktisch“ hatte es in der englischen Übersetzung „post-truth“ schon zum internationalen Wort des Jahres gebracht. Im englischen Sprachraum ist der Begriff schon länger etabliert, 2004 erschien ein viel beachtetes Buch zum Thema. In Deutschland sei er erst 2016 richtig angekommen und nun „gesellschaftspolitisch von sehr hoher Bedeutung“, sagt Schlobinski.

„Für mich persönlich ist das eine sehr erschreckende Entwicklung“

Für den Germanisten hat das Phänomen zwei Seiten: zum einen Politiker, die fern aller Fakten argumentierten, zu Demagogie und Propaganda griffen. Zum anderen Bürger, die dies nicht hinterfragten. Wichtiger als die Wahrheit sei dann die „gefühlte Wahrheit“, wichtiger als die Urteilskraft das Vorurteil.

„Für mich persönlich ist das eine sehr erschreckende Entwicklung“, sagt der Sprachwissenschaftler von der Universität Hannover. Er hoffe auf eine breite gesellschaftliche Debatte, wie dem zu begegnen sei. Zumal vor dem Bundestagswahljahr 2017. Denn auch in Deutschland gebe es Parteien und Vereinigungen, die es mit der Wahrheit „nicht immer so genau“ nähmen - wie etwa die AfD.

Hinzu kommt die zunehmende Vorherrschaft sozialer Medien in der Meinungsbildung, und auch die haben die Sprachexperten in ihrer Liste thematisiert: „Social Bots“ stehen auf Platz 6 und damit die Bezeichnung für Programme, die Social-Media-Trends verstärken können, indem sie sich massenweise als real existierende Follower ausgeben.

Steht Deutschland vor einem Cyber-Wahlkampf?

Im amerikanischen Präsidentenwahlkampf spielten sie eine große Rolle, auf beiden Seiten. Experten sehen Deutschland von einem Cyber-Wahlkampf zwar noch weit entfernt, mahnen aber zur Wachsamkeit. Denn einmal in Gang gesetzt, sei kaum mehr überprüfbar, wer hinter solchen Meinungsrobotern stecke.

Schon bei der Wahl zum internationalen Wort des Jahres hieß es von den Verantwortlichen der Oxford Dictioniaries jüngst: Angetrieben von dem Aufstieg der Sozialen Medien als Nachrichtenquelle und einem wachsenden Misstrauen gegenüber Fakten, die vom Establishment angeboten würden, habe das Konzept des Postfaktischen seit einiger Zeit an Boden gewonnen. Untersuchungen hätten ergeben, dass sich der Gebrauch des Wortes „postfaktisch“ im Jahr 2016 im Vergleich zum Jahr davor drastisch erhöht habe.

dpa

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