Stilles Gedenken zwei Jahre nach dem Amoklauf von Winnenden

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Trauernde stehen am Freitag (11.03.11) in Winnenden waehrend einer Gedenkveranstaltung zum zweiten Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden auf dem Marktplatz.

Winnenden - Wie geht man um mit dem Gedenken an die Opfer eines Amoklaufs? Winnenden wird nun jedes Jahr vor dieser Frage stehen. Diesmal entschied sich die Stadt für eine schlichte Feier.

Nur der Wasserstrahl aus dem zentralen Brunnen in Winnenden ist zu hören und das Läuten der Kirchenglocken. Wo normalerweise geschäftiges Treiben zwischen Sparkasse, “Wollstüble“ und Café herrscht, stehen am Freitag Hunderte von Menschen in stiller Einkehr. Von 9.33 Uhr - dem Zeitpunkt, als vor zwei Jahren ein 17-Jähriger in die Albertville-Realschule eindrang und dort seinen Amoklauf begann - bis zum Ende des Glockengeläuts um 9.38 Uhr hängen die Menschen ihren Gedanken nach.

Amoklauf in Winnenden

Amoklauf in Realschule bei Stuttgart

Ihr Blick richtet sich auf den Boden der Marktplatzes oder auf die 15 langstieligen Rosen, die den Rand des Brunnens zieren. Die weißen Blumen stehen für 15 Leben, die beim Amoklauf in Winnenden und Wendlingen (Baden-Württemberg) ausgelöscht wurden. Vor dem Brunnen rühren ein Körbchen mit Gänseblumen, einige Friedhofskerzen und ein kleines Gebinde die Trauernden. Ganz schlicht sollte das Gedenken diesmal sein. Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth verliest die Namen der Opfer: von acht Schülerinnen, einem Schüler, drei Lehrerinnen und drei weiteren vom Amokläufer auf der Flucht erschossenen Männern. Er schließt mit den Worten: “Wir verneigen uns vor den Opfern und fühlen mit den Angehörigen.“ Ein gemeinsames Gebet beendet die traurige Versammlung.

Auf dem Weg zum Gedenkgottesdienst in der Schloßkirche fällt ein junges Mädchen im frühlingsgrünen Sweat-Shirt auf. Auf ihm steht zu lesen: “Ich lebe meinen Traum.“ Die von der Albertville-Realschule gleich nach der Tragödie gedruckten schwarzen Pullis hatten noch die Aufschrift “Ich habe einen Traum“. Die neue Kreation steht auch für den Blick der 620 Schüler der Albertville-Realschule nach vorn, in die Zukunft.

Hoffnung schöpfen auch in Zeiten unbeschreiblicher Trauer - diesem Thema widmet sich der evangelische Pfarrer Winfried Maier-Revoredo. Er erinnert die Trauergesellschaft in der Schloßkirche an die Geschichte zweier Jünger im Lukas-Evangelium, die aus Verzweiflung über die Kreuzigung Jesu Jerusalem verlassen. Auf ihrem Weg nach Emmaus schließt sich den beiden ein Fremder an, der ihnen Mut zuspricht. Beim gemeinsamen Mahl erkennen die Jünger in dem Mann, der ihnen das Brot bricht, Jesus. Die Erkenntnis der Auferstehung nach dem Tod könne über den Schmerz hinweghelfen, meint der Pfarrer. Dieses Gefühl der Zuversicht wird mit einem gemeinsamen Brotbrechen bekräftigt.

Schüler und ehemalige Schüler der Albertville-Realschule gehen auf ihre Weise mit dem Andenken um. Sie hängen für jedes verlorene Leben Symbole aus Metall an einen kleinen Baum, der später in den Pausenhof des renovierten Schulgebäudes gepflanzt werden soll. So bleibt die Erinnerung an die Opfer lebendig. An den Zweigen drehen sich Herzen, Sterne, geometrische Figuren, ein Katze. Auch 15 brennende Kerzen zieren den Altar. Maier-Revoredo lässt nicht unerwähnt, dass es einen 16. Toten gibt - den 17-jährigen Täter, der sich nach dem Massaker selbst erschossen hat. “Wir sind aber noch nicht in der Lage, eine 16. Kerze dazuzustellen.“

dpa

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