Verband: Ordentliche Lebensmittel-Kontrolle unmöglich

Osnabrück - Nach Meinung des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure (BVLK) ist Lebensmittelsicherheit in Deutschland, wie sie im jetzigen Dioxinskandal oft verlangt wird,  eine Mogelpackung.

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Dioxin-Skandal größer als gedacht

Die Lebensmittelindustrie könne gar nicht ordentlich überprüft werden, sagte der BVLK-Vorsitzende Martin Müller der “Neuen Osnabrücker Zeitung“ vom Donnerstag: Es fehlten in Deutschland bis zu 1500 staatliche Prüfer, um die Branche effektiv zu überwachen. Bisher seien bundesweit 2500 Kontrolleure für 1,1 Millionen Betriebe zuständig. In manchen Regionen stehe nur ein Mitarbeiter für 1200 Firmen zur Verfügung. Die Folge sei, dass etwa jedes zweite Unternehmen in Deutschland innerhalb eines Jahres überhaupt nicht kontrolliert werde, sagte Müller. Das politische Versprechen, die gesamte Lieferkette für Eier, Getreide, Milch und Fleisch staatlich zu kontrollieren, sei reine Utopie.

Müller kritisierte die Kommunen für deren Lebensmittelkontrolle nach Kassenlage. Auch die föderale Kleinstaaterei in Deutschland führe zu Sicherheitslücken. Einheitliche Mindeststandards für Kontrollen in allen Bundesländern seien in der Praxis ein frommer Wunsch. Die Bundesregierung müsse endlich dafür sorgen, dass die bestehenden Vorgaben des Bundes vor Ort auch umgesetzt würden.

Auch der Verbandschef der Ernährungsindustrie, Jürgen Abraham, sieht politisches Versagen als einen Grund des Dioxinskandals. Er sagte der Zeitung: “Die Behörden, allen voran die Ordnungsämter und Veterinärbehörden, haben ihre Aufsichtspflicht verletzt.“ Schon bei den Fleischskandalen in den Vorjahren sei dies der Fall gewesen.

Ministerium korrigiert Angaben zu Dioxin-Proben

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat mittlerweile dem Bundestagsausschuss in einem “Korrigendum“ mitgeteilt, dass die Probe mit erhöhten Dioxinwerten in Futterfetten am 25. November nur zurückgestellt wurde. Untersucht wurde sie aber erst am 27. Dezember, nachdem in mit dem betroffenen Fett hergestellten Tierfutter Dioxinrückstände gefunden worden waren.

In einem Schreiben an den Agrarausschuss des Bundestags hatte es ursprünglich geheißen: “Die Untersuchung einer Rückstellprobe des aus der Partie vom 11.11.2010 erzeugten Futterfettes am 25.11.2010 ergab einen Dioxingehalt von 36 ng (...).“ Laut den niedersächsischen Landesbehörden erhielten diese am 23. Dezember erstmals Kenntnis von möglichen Verunreinigungen in Futtermitteln. Die Lieferungen waren vom 12. November bis zum 23. Dezember an 25 Mischfuttermittelhersteller in vier Bundesländern ausgeliefert worden.

Betroffen sind rund 3000 Tonnen Futterfett. Da dies mit einer Rate von zwei bis zehn Prozent in das Tierfutter für Legehennen, Mastgeflügel und Schweine eingemischt wird, könnten bis zu 150 000 Tonnen Futter von dem Skandal betroffen sein. Bisher sind keine Fälle von gesundheitlich betroffenen Verbrauchern bekannt.

Harles und Jentzsch dementiert Insolvenz-Gerüchte

Unterdessen hat der Geschäftsführer des Futtermittelherstellers Harles und Jentzsch Gerüchte über eine drohende Insolvenz des Unternehmens dementiert. “Es ist nicht so. Wir arbeiten weiter“, sagte Siegfried Sievert am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa. Futtermittel würden zur Zeit nicht verkauft, aber das Geschäft mit technischen Fettsäuren sichere die Existenz.

Die Firma aus Uetersen hatte die Verunreinigung von Futtermitteln mit Dioxin bei einer Routineuntersuchung festgestellt und gemeldet. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe ermittelt inzwischen gegen die Unternehmens-Leitung. Am Mittwoch wurde die Firma durchsucht.

Dioxin hauptsächlich im Eigelb

Bei dioxin-belasteten Eiern lagert sich der Giftstoff hauptsächlich im Eigelb ab. Dioxin ist fettlöslich und befindet sich daher zum größten Teil im fettreichen Dotter, erläuterte Laura Gross von der Verbraucher Initiative in Berlin am Donnerstag dem dpa-Themendienst. Trotzdem sollten Verbraucher auch das Eiweiß aus den betroffenen Eiern nicht verwenden, warnt Gross. Denn dieser Teil des Eis könne ebenfalls Spuren von Dioxin aufweisen.

dpa

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