Verwundete Soldaten auf dem Weg nach Hause

Potsdam - Die beiden am letzten Freitag bei einem Schusswechsel in Nordafghanistan schwer verwundeten Bundeswehrsoldaten sollen noch am Sonntagabend in Deutschland eintreffen. Sie sind nicht die Einzigen.

Mit ihnen bringt das Lazarettflugzeug auch vier bei dem Zwischenfall leicht verwundete Soldaten und einen ebenfalls leicht verwundeten Soldaten von einem anderen Anschlag nahe Kundus in die Heimat zurück.

Das Spezialflugzeug war kurz vor 13 Uhr deutscher Zeit vom Flugplatz Termes in Usbekistan gestartet. Die Maschine wird nach Angaben des Potsdamer Einsatzführungskommandos gegen 19 Uhr in Stuttgart erwartet. Von dort werden einige Verwundete zum Bundeswehrkrankenhaus nach Ulm gebracht. Von Stuttgart wird das Lazarettflugzeug weiter zum Luftwaffenstützpunkt Wahn bei Köln fliegen. Von dort aus werden weitere Verwundete zum Bundeswehrzentralkrankenhaus nach Koblenz gebracht.

Der Zustand der beiden Schwerverwundeten sei stabil, aber nach wie vor kritisch, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Nachrichtenagentur dapd.

Drei Soldaten getötet

Die beiden Schwerverletzten und die vier Leichtverwundeten gehörten zu einer Gruppe von neun deutschen Soldaten, die im Bundeswehrcamp Nord “OP North“ in der Provinz Baghlan aus nächster Nähe von einem afghanischen Soldaten beschossen wurden. Er war zur Bewachung der Bundeswehrsoldaten abkommandiert.

Bei dem Schusswechsel wurden drei deutsche Soldaten getötet. Sie sollen nach einer Trauerfeier in Mazar-i-Sharif am Montag nach Deutschland geflogen werden. Warum der afghanische Soldat auf seine deutschen Kameraden geschossen hat, konnte bisher nicht geklärt werden. Er war bei dem Schusswechsel getötet worden.

Bei den getöteten Soldaten handelt es sich um einen 30-jährigen Hauptfeldwebel, einen 22 Jahre alten Stabsgefreiten und einen 21-jährigen Hauptgefreiten vom bayerischen Panzergrenadierbataillon 122 in Regen.

Truppe im Schock

Ein deutscher Offizier in Nordafghanistan beschreibt die Stimmung in der Truppe als “traurig und gereizt“, ein Unteroffizier nennt sie “angeschlagen“. Der Angriff vom Freitag hat die Truppe tief schockiert. Dennoch sagen viele Soldaten, die enge Zusammenarbeit mit der afghanischen Nationalarmee (ANA) müsse weitergehen - selbst wenn das sogenannte Partnering tödliche Gefahren wie den jüngsten Anschlag birgt.

Dass diesmal nicht die Taliban - also der erklärte Feind -, sondern ein vermeintlicher Verbündeter Deutsche tötete, macht die Tat besonders erschütternd. Die Opfer kannten ihren Mörder vom Sehen. Er war nach Angaben der Bundeswehr erst 20 Jahre alt und verrichtete seinen Dienst auf dem OP North, den deutsche und afghanische Soldaten gemeinsam halten.

Der junge Attentäter stammte aus Südafghanistan, wo die Taliban besonders stark sind. Und er hatte früher Zeit in Pakistan verbracht, von wo aus die Aufständischen ihre Kämpfer in Afghanistan steuern. Allerdings soll er seinen Pakistan-Aufenthalt beim Eintritt in die Armee freiwillig gemeldet haben. Zu seiner Motivation wird der Täter selbst nichts mehr sagen können, er wurde bei dem Anschlag erschossen.

Was dürfen deutsche Soldaten in Afghanistan?

Was dürfen deutsche Soldaten in Afghanistan?

Die Taliban haben sich diesmal ausdrücklich nicht zu der Tat bekannt. Das ist umso bemerkenswerter, als die Aufständischen sonst für jeden Anschlag die Verantwortung übernehmen, bei dem ausländische Soldaten sterben. Nun sagte einer ihrer Sprecher, der Angreifer sei nicht aus ihren Reihen gekommen. Der Verdacht liegt nahe, dass die Taliban ein Signal aussenden wollen: dass sogar Soldaten der Regierungsarmee die Ungläubigen so sehr hassen, dass sie sie erschießen.

Generalmajor Hans-Werner Fritz will eine Spaltung zwischen einheimischen und ausländischen Truppen auf keinen Fall zulassen. Der ranghöchste deutsche Bundeswehrvertreter am Hindukusch kommandiert die Internationale Schutztruppe Isaf in Nordafghanistan. Er sitzt im Camp Marmal in Masar-i-Scharif, von wo aus die Soldaten auf den OP North ausrückten. “Glaube keiner, dass wir uns kleinkriegen lassen“, sagt er nach der Tat. “Unsere Botschaft ist: Kein Taliban, der diese jungen Menschen antreibt, die diese Taten begehen, sollte davon ausgehen, dass wir einen Keil zwischen die ANA und die Bundeswehr und die Isaf treiben lassen.“

Gemeinsam mit ANA-General Salmay Wesa flog Fritz sofort nach dem Angriff auf den OP North. Die Soldaten seien “am Boden“ und “todtraurig“ gewesen, sagt Fritz am Sonntag, er ist selber sichtlich mitgenommen. Gerade hat er die sechs Verletzten des Angriffs und einen Verletzten eines weiteren Anschlags zum Flugzeug begleitet, das sie in die Heimat bringt. “Wissen Sie, ich habe selbst einen Sohn von 25 Jahren, der dieser Armee als Offizier dient. Und wenn Sie die Jungs da liegen sehen, dann gehen Ihnen viele Dinge durch den Kopf.“

Er verstehe, dass in der Heimat nach dem Anschlag kritische Fragen zum Partnering gestellt würden, sagt Fritz. Auch könne niemand garantieren, dass sich eine solche Tat wie die vom Freitag nicht wiederholt. Er sei dennoch unverändert überzeugt: “Es gibt zum Partnering keine Alternative.“

Das Partnering - bei dem einheimische und ausländische Soldaten gemeinsam agieren - ist ein Kernelement bei dem Vorhaben der Staatengemeinschaft, den Afghanen 2014 schrittweise die Verantwortung zu übergeben. Die Kooperation mit den professionellen ausländischen Truppen soll die junge Armee und die Polizei zunehmend dazu befähigen, selber für Sicherheit zu sorgen. Ein Ende der Strategie könnte den Termin 2014 ins Wanken bringen.

Hauptmann Jörg H. ist Feldjäger in Masar-i-Scharif und arbeitet eng mit afghanischen Polizisten und Soldaten zusammen. “Die Strategie ist gut und richtig und hat Erfolge gezeigt“, sagt auch er. “Ich bin fest davon überzeugt.“ Die Zusammenarbeit mit den afghanischen Partnern sei durchweg gut. “Ich habe in sie nicht das Vertrauen wie in Freunde und Familie“, sagt er. “Aber im Arbeitsbereich vertraue ich ihnen. Ich kann mich auf die verlassen.“

Zwar sind die Deutschen nicht die ersten Ausländer, gegen die Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte die Waffe erheben - unter anderem starben schon Briten und Amerikaner. Ein Trend lässt sich daraus aber kaum ablesen: Angesichts von inzwischen 152 000 ANA-Soldaten und 119 000 afghanischen Polizisten erscheint die Zahl der Vorfälle doch gering. Das gilt erst recht vor dem Hintergrund eines Landes wie Afghanistan, in dem seit mehr als 30 Jahren Krieg herrscht - und in dem Gewalt zum Alltag gehört.

General Fritz geht nicht davon aus, dass das Vertrauen zur ANA durch den Anschlag grundsätzlich gestört ist. “Für mich, für uns ist die ANA ein verlässlicher Partner“, sagt er. Auch seine Soldaten wüssten die Tat “sehr wohl einzuordnen“. Sie seien zwar nachdenklich. “Was ich aber nicht festgestellt habe, ist, dass unsere Soldaten Hass auf die Afghanen haben - ganz sicher nicht.“

dapd/dpa

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