Demjanjuk wird in München der Prozess gemacht

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John Demjanjuk wird direkt nach seiner Ankunft mit dem Krankenwagen in die Strafanstallt Stadelheim gebracht.

München - Nach der Auslieferung des mutmaßlichen KZ-Wachmanns John Demjanjuk steht in Deutschland einer der letzten großen NS-Kriegsverbrecherprozesse bevor.

Der 89-Jährige traf am Dienstag in einem Ambulanzflugzeug in München ein. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Beihilfe zum Mord an 29.000 Juden vor. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, forderte mit Blick auf das hohe Alter und die angegriffene Gesundheit Demjanjuks einen raschen Prozessbeginn und sprach von einem “Wettlauf gegen die Zeit“. Nach der Ankunft gegen 9.15 Uhr in München wurde der 89-Jährige in das Münchner Untersuchungsgefängnis Stadelheim eingeliefert. Dort wurde er am Mittag zunächst ärztlich untersucht. Anschließend wollte ihm der Ermittlungsrichter den Haftbefehl wegen des Vorwurfs der Beihilfe zum Mord an mindestens 29.000 Juden verkünden.

Demjanjuks Ankunft in Deutschland

Die Abschiebung des NS-Verbrechers Demjanjuk

Demjanjuk hatte sich mit Hinweis auf Prä-Leukämie und andere Krankheiten seit Wochen vor Gerichten in den USA und Deutschland gegen seine Abschiebung gewehrt. In der Nacht zum Dienstag wurde er per Krankenwagen in seinem Haus in Cleveland in Ohio abgeholt und mit einem Ambulanzflugzeug in Begleitung eines Arztes nach München geflogen. Abgeschirmt in einem Hangar am äußersten Rand des Flughafens wurde er am Vormittag in einem Krankenwagen mit Polizei-Eskorte in die Krankenabteilung des Gefängnisses Stadelheim gebracht.

“Amerika nimmt ihn nicht zurück, und sonst nimmt ihn auch keiner. Er ist staatenlos, es will ihn keiner haben.“

Der Anwalt des mutmaßlichen NS-Verbrechers John Demjanjuk, Günther Maull

Die Münchner Staatsanwaltschaft wirft Demjanjuk vor, 1943 als KZ-Wachmann für die SS im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen bei der Vergasung Zehntausender Menschen geholfen zu haben. Wichtigstes Beweismittel sind ein Dienstausweis Demjanjuks, die Aussage eines anderen Wachmanns aus Sobibor sowie Aufzeichnungen aus dem KZ Flossenbürg, wo Demjanjuk 1944 gewesen sein soll. Er bestreitet alle Vorwürfe und behauptet, lediglich in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen zu sein. Sein Pflichtverteidiger Günther Maull sagte, der 21 Seiten lange Haftbefehl werde Demjanjuk auf ukrainisch verlesen. Er werde ihm raten, sich vorerst nicht dazu zu äußern.

Knobloch sieht Wettlauf gegen die Zeit

Der Zentralrat der Juden in Deutschland begrüßte Demjanjuks Auslieferung und forderte, ihn schnellstmöglich vor Gericht zu stellen. Es sei ein Erfolg mit hohem symbolischen Stellenwert, wenn einer der letzten noch lebenden mutmaßlichen NS-Verbrecher in Deutschland zur Rechenschaft gezogen werden könnte, erklärte die Präsidentin Knobloch. “Es geht nicht um Rache, sondern um Gerechtigkeit“, betonte sie. Das Verfahren gegen Demjanjuk wird nach Einschätzung eines der Gründer des Simon-Wiesenthal-Zentrums, Rabbi Marvin Hier, wahrscheinlich der letzte Prozess dieser Art sein. “Seine Arbeit im Todeslager Sobibor bestand darin, Männer, Frauen und Kinder in die Gaskammer zu stoßen“, erklärte Hier. “Er kannte keine Gnade, kein Mitglied und kein Bedauern für die Familien, deren Leben er zerstörte.“

Ermittlungen gegen zwei weitere Verdächtige

Der Leiter der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen, Oberstaatsanwalt Kurt Schrimm, erwartet allerdings noch zwei weitere Verfahren. Einer der Tatverdächtigen lebe in Österreich, der andere in den USA. In beiden Fällen gebe es Parallelen zu Demjanjuk, sagte Schrimm der AP. Demjanjuk war 1952 in die USA ausgewandert. Wegen einer Verwechslung mit einem als “Iwan der Schreckliche“ berüchtigten KZ-Aufseher in Treblinka saß Demjanjuk in Israel bis 1993 sechs Jahre lang in einer Todeszelle. In München droht ihm bei einer Verurteilung eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren.

AP

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