Sensationelle neue Erkenntnisse im Fall des 1967 getöteten Studenten

Ohnesorg von Stasi-Spitzel erschossen

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Dieses Archivbild vom 3. Juni 1967 zeigt den Abtransport von Benno Ohnesorg.

Sein Tod war der Auslöser dafür, dass der Studentenprotest zu einer politischen Bewegung wurde, aus der später die Friedensbewegung und auch die Partei „Die Grünen“ hervorgingen:

Der Student Benno Ohnesorg. Der damals 26-Jährige wurde 1967 bekanntlich in Berlin erschossen – von einem West-Berliner Polizisten. Dieser Fakt ist bekannt – unbekannt war bis heute, dass der Polizist Karl-Heinz Kurras offenbar ein Stasi-Mitarbeiter war. Kurras, der Ohnesorg unter bis heute ungeklärten Umständen getötet hat, sei ein Stasi-Spion und Mitglied der SED gewesen ist, berichten das ZDF und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unter Berufung auf Erkenntnisse der Birthler-Behörde. Kurras hatte sich den Recherchen zufolge bereits 1955 gegenüber dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR verpflichtet, die West-Berliner Polizei auszuspähen.

Nach dem tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg funkte das MfS laut ZDF-„Heute-Journal“ an Kurras: „Material sofort vernichten. Vorerst Arbeit einstellen. Betrachten Ereignis als sehr bedauerlichen Unglücksfall.“ Der Spionageexperte der Birthler-Behörde, Helmut Müller-Enbergs, sagte dem ZDF, es gebe keinen Hinweis in der Stasi-Akte, dass Kurras einen Auftrag hatte, Ohnesorg zu erschießen. Kurras wurde seinerzeit von der Anklage der fahrlässiger Tötung mangels Beweisen freigesprochen – was in der gesamten Bundesrepublik erst Recht zu empörten Protesten führte und die Stimmung weiter anheizte.

Die „FAZ“ schreibt, bei der Staatssicherheit sei die Personenakte von Kurras nach dem Vorfall entfernt worden, so dass es unmittelbar nach dem 2. Juni 1967 unmöglich wurde, seine Akte zu finden. Laut Müller-Enbergs sei sie „ausschließlich durch interne Forschungen letztlich doch noch auffindbar geworden“. In seiner Eigenschaft als Spion galt Kurras der „Frankfurter Allgemeinen“ zufolge in den Augen des Mielke-Schnüffelapparats als „Spitzenquelle“; ab 1965 sei er in einer Kripo-Sondergruppe gewesen, die nach Verrätern gesucht habe. Er habe detaillierteste Einblicke in die Polizeiarbeit geliefert, unter anderem in „alle Aktivitäten der West-Berliner Polizei gegen das Ministerium“. In seiner Akte stehe: „Die gestellten Aufgaben werden von ihm gewissenhaft erfüllt. Bei der Erfüllung seiner Aufgaben zeigt der K. Mut und entwickelt die notwendige Initiative ... er (steht) treu zur Deutschen Demokratischen Republik.“ Veröffentlicht wurde auch ein Bild, das Kurras‘ SED-Mitgliedsbuch mit der Nummer 2002373 zeigen soll.

Die Autoren Helmut Müller-Enbergs und Cornelia Jabs haben laut der „Frankfurter Allgemeinen“ durch Zufall die Unterlagen zu dem Fall im Aktenbestand des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit gefunden. Der Bericht über die insgesamt 17 Aktenbände der Stasi zu Kurras erscheine in der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Deutschland­archiv“ am 28. Mai. Titel des Aufsatzes: „Der 2. Juni 1967 und die Staatssicherheit“. Die tödlichen Schüsse auf Benno Ohnesorg während des Schah-Besuches vor der Deutschen Oper in Berlin bildeten eine Zäsur in der bis dahin – von Tomaten- und Eierwürfen abgesehen – meist friedlichen Protestbewegung in der Bundesrepublik. Ein Funke sprang auf das ganze Land über, der Protest verließ den Universitätscampus.

Der Studentenprotest wurde letztlich zu einer politischen Bewegung – bis hin zu den Bürgerbewegungen, aus denen später die Grünen hervorgingen, aber auch die Friedens-, Jugend-, Frauen- und Anti-Atomkraft-Bewegung der 70er und 80er Jahre. „Die 68er haben eigentlich am 2. Juni 1967 begonnen“, schreiben heute manche Autoren und Publizisten mit Blick auf die gesellschaftspolitische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland. Fraglich ist, ob die Studentenbewegung nun gänzlich neu bewertet werden muss, nachdem bekannt wurde, dass Kurras ein Stasi-Spion war.

Für ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender gewinnt das Thema immerhin ganz neue Aktualität: „Das ZDF“, so kündigte er gestern Abend an, wird die Konsequenzen dieses virulenten Moments der deutschen Nachkriegsgeschichte weiter erforschen und recherchieren“. Man darf gespannt sein.

tz

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