Expressive musikalische Grenzgänge

Offenbach - Musik ist nicht immer schön, sie kann auch tiefen Schmerz ausdrücken und bereiten. Das spürte man beim Abendkonzert in Offenbachs Französisch-Reformierter Kirche auch körperlich. Von Reinhold Gries

Nicht jeder im Publikum hielt die musikexpressiven Grenzgänge gut durch, die ihm von Sopranistin Carola Schlüter und Pianist Olaf Joksch bereitet wurden.

Nach akademischem Viertel – Joksch musste im Capitol einspringen – begann die Seelendramaturgie mit Viktor Ullmanns „Abendphantasie“ lyrisch bis träumerisch. Zwischen Hölderlins „Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt“, dem „Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf“ und „Jugend! Verglühst du ja“ lotete Schlüters wundervolle Liedkunst die melancholische Betrachtung ebenso gefühl- wie ausdrucksvoll aus.

Mit Jokschs gekonnten Klavierharmonien wirkte die Synthese aus spätromantischer Klangmalerei und gemäßigt moderner Tonsprache opulent. Unfassbar aber der Hintergrund dieser Vertonung, wie die folgende „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ 1944 in Theresienstadt entstanden, kurz bevor Ullmann nach Auschwitz deportiert wurde.

Kontrastreich und voluminös

Als Meister moderner Tonsetzkunst erlebte man den ermordeten Schönberg-Schüler nun auch beim Cornet-Klaviersatz, von Joksch zwischen Trillern, jagenden Läufen, Akkordballungen und hämmerndem Staccato kontrastreich und voluminös in Szene gesetzt.

Dabei hatte Schlüter die nicht immer dankbare Aufgabe, in zwölf Bildern sprechend hineinzuführen in Rilkes Prosa von 1899, basierend auf der Soldatenballade des 17. Jahrhunderts. Zwischen Flüstern und Zittern, Klagen und Schreien tauchte sie tief hinein in die Ambivalenz zwischen Glorifizierung des Heldentodes und Sinnlosigkeit jungen Sterbens, verwirbelte Gefühle überzogener Ehre mit Verlustängsten und tiefer Traurigkeit. Da ging es nur vordergründig um den Fahnenträger, der durch brennendes Gemäuer geradewegs unter die Feinde reitet – und fällt. Das wirkte erschreckend aktuell, auch wenn Joksch Klänge zum Sprechtext galoppieren, starr werden oder zerfließen ließ, dann perlte und tropfte, um zum Lamento auszuholen und zur Leere vorzustoßen.

Wege im Mondlicht

Dass Schlüters Singstimme viel kräftiger und ausdrucksvoller ist als ihre Sprechstimme, stellte sie in kaum Singbarem von Arnold Schönbergs Monodram „Erwartung“ von 1909 mit Macht unter Beweis. In großartig aufwallendem und zurückfallendem Psychogramm führte sie auf Wege im Mondlicht. In meisterlich gesungener Odyssee der Gefühle durchlebte sie die Rolle der jungen Frau, auf verzweifelter Suche nach dem Geliebten durch den Wald irrend. Als sie mit dem Fuß an eine Leiche stößt, stellt sie entsetzt fest, dass diese der Gesuchte ist.

Im Gegensatz zur Uraufführung von 1924 hatte Schlüter kein verstecktes Harmonium zur Verfügung, um ihre Stimme nach eruptiven Höhen neu zu tarieren. Sie schaffte es blitzschnell mit der Stimmgabel. Im schlagkräftigen Verbund mit Joksch verlangte sie in schnellem Wechsel von Stimmungen, Klängen und Bildern sich selbst und ihrem Publikum alles ab. Auch beim Zerlegen gewohnter Dur- und Moll-Ordnung und Tonalität zugunsten neuer Klangfarben und Formen, die an Kandinskys erste expressiv-abstrakte Gemälde erinnerte.

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