Adel Tawil in der Festhalle

Lebensberatung und Poesiealbum

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In Strickjacke erschien Adel Tawil auf der Bühne, auch sonst war sein Auftritt eher bieder.

Frankfurt - Adel Tawil singt sich auf seiner ersten Solo-Tour durch „Lieder“ der ganzen Karriere. Seine Show in der höchstens zu zwei Dritteln gefüllten Festhalle kommt trotz großem Pathos, pompöser Lichteffekte und neongelb leuchtender Sneakers nur schwer in die Gänge. Von Peter Müller

Immerhin: Auch wenn meterhohe Video-Pyramiden aus Spielkarten in Zeitlupe auseinander fallen („Kartenhaus“) oder es schon mal kräftig blubbernd abwärts auf den Meeresgrund („Unter Wasser“) geht, schräge Gesangspatzer wie zuletzt müssen die Fans diesmal nicht überstehen. Nein, es war eben mal nur ein gebrauchter Tag bei der „Echo“-Verleihung: Nicht genug, dass Adel nach 18 Jahren im Showbusiness als „bester Newcomer“ ausgezeichnet wurde, er musste wegen ein paar schiefer Live-Töne auch einen regelrechten Twitter-Shitstorm über sich ergehen lassen.

In Frankfurt ist das alles vergessen - spätestens Punkt 21 Uhr, als ein Scheinwerferkegel Gattin Jasmin einfängt, die das Konzert unter großem Jubel am Flügel eröffnet. „Mein Licht“, so nennt der tunesisch-ägyptische Sänger seine Frau, die nun sinnigerweise den Song „Dunkelheit“ anspielt, während er schon Position auf seinem Podest hinter dem transparenten Vorhang bezogen hat. Dann fällt der Gaze-Stoff und zu Adels HipHop-Reminiszenzen lässt seine Band gleich mal ein paar angedeutete Balkan-Beats mit kräftigen Gitarrenriffs vom Stapel - „Herzschrittmacher“.

Einige Aufs und Abs

Es ist einer der angeblich härteren Songs des aktuellen Albums „Lieder“, in dem Adel Tawil auch ein wenig Lebensberatung gibt, schließlich hat der inzwischen 35-Jährige schon so einige Aufs und Abs erlebt: Vom gebeutelten, abgehängten Boyband-Rapper (The Boyz) zum bittersüß-süffigen Deutsch-Pop mit Annette Humpe bei Ich + Ich in die neue Karriere - diese Stationen spiegeln sich auch in der Setliste des Frankfurt-Gigs, zu dem er mit US-Reggae-Rapper Matisyahu („Zuhause“, „No Woman, No Cry“) noch einen blonden Bob-Marley-Widergänger geladen hat.

Überhaupt scheint Adel noch ein wenig zu fremdeln mit dem Solo-Status: Zum schön elegischen „Graffiti Love“ lässt er gleich beide Humpe-Schwestern vom Band einspielen und auch seine diversen, jeweils aus der Konserve unterstützten Duette mit Cassandra Steen („Stadt“), Azad („Ich hol dich da raus“), Sido und Prinz Pi („Der Himmel soll warten“, „Aschenflug“) fehlen nicht im Programm. Das hat vor allem in der ersten Hälfte dann doch ein paar quälende Längen, in denen der düster grundierte Befindlichkeits-Pop mit seinen sentimentalen, aus dem guten alten Poesiealbum entliehenen Lebenshilfe-Texten nun wirklich nicht von den Sitzen reißt.

Womöglich ein Kollateralschaden des Vorprogramms, in dem es bereits reichlich Weichgespültes von Singer/Songwriter Benne und der ewig melancholisch klingenden Folk-Elfe Madeline Juno zu ertragen galt. Adel Tawil gelingt es dann wenigstens zum Ende seines Auftritts, mit dem aktuellen Titel-Stück „Lieder“ die Fan-Herzen zu entflammen. Dann geht es, Adel verpflichtet also doch, in zwei begeistert goutierte Zugabenblöcke, die mit Hits wie „So soll es bleiben“ oder „Vom selben Stern“ vor allem eines feiern - das stillgelegte Erfolgs-Projekt Ich + Ich.

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