Alfredo Perl vom Geheimtipp zum Stammgast

Oestrich-Winkel - Alfredo Perl hat sich beim Rheingau Musik Festival längst vom Geheimtipp zum gern gehörten Stammgast entwickelt. Der Pianist, 1965 in Santiago de Chile geboren, garantierte auch beim jüngsten Klavierabend in Schloss Johannisberg eine kluge Programmgestaltung. Von Axel Zibulski

Beethovens Sonate „quasi una Fantasia“, Schumanns Klavier-Fantasie C-Dur, dazu als Beitrag zum Liszt-Jahr dessen einsätzige h-Moll-Sonate: Drei Werke also, in denen der Umgang mit der Sonaten-Formstrenge ins Freie geweitet ist.

Alfredo Perls Näherung war dabei keinesfalls akademisch, wohl aber verdeutlichend: Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 13 Es-Dur op. 27/1 klang tatsächlich frei „wie eine Fantasie“, mit ihrer bis an die Spannungsgrenze gedehnten langsamen Einleitung und ihren umso deutlicher abgesetzten Beschleunigungen ins Atemlose. Bereits da war zu spüren, dass Perls Spiel sich weit mehr an Linien und Entwicklungen als am Feinschliff im Detail orientiert.

Robert Schumanns Fantasie C-Dur op. 17, die Komplikationen bis zur Eheschließung mit Clara romantisch verarbeitend, ist gerade im schnellen Mittelsatz geschliffener, pianistisch souveräner vorstellbar. Das leise Ende des ersten Satzes, samt Zitat aus Beethovens „An die ferne Geliebte“, vor allem aber das langsame Finale entfaltete er mit reflektierter Reife und atmosphärischer Intensität, die den Atem stocken ließen.

Im 200. Geburtsjahr von Franz Liszt hört man dessen Klaviersonate h-Moll vielleicht noch ein wenig häufiger als ohnehin. Perls Durchdringung freilich gehörte zu den spannenderen Auseinandersetzungen mit dem Werk. Seine weiträumig gestaffelten Steigerungen ins Hymnische, das geheimnisvolle Pianissimo-Raunen des Beginns wie des Ausklangs, nicht zuletzt die Dramaturgie kräftiger, impulsiv wirkender Kontraste zwischen lyrischem Innehalten und romantischem Drang – das alles fesselte erneut. Nichts wäre nach diesem dichten Programm überflüssiger als eine Zugabe; Alfredo Perl verzichtete trotz intensiven Beifalls darauf.

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