Alice Cooper im Hanauer Amphitheater

Eminenz der Schockrocker

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65 Jahre und kein bisschen leise: Alice Cooper liefert auch im fortgeschrittenen Alter die ganz große Rock’n’Roll-Show.

Hanau - Ein Rockkonzert wie eine Operninszenierung: Alice Cooper liefert mit 65 Jahren noch immer die ganz große Rock’n’Roll-Show. Von Carsten Müller

Die Ouvertüre kommt aus der Konserve, dann fällt der Bühnenvorhang und die Rocklegende erscheint in einem rotschwarz gestreiften Frack im Funkenregen. „Raise the Dead“ heißt die aktuelle Tournee des Altvorderen, die ihn in das Hanauer Amphitheater führt. Und Alice Cooper sieht man die Jahre nicht an: Er wirkt immer noch so, als sei er gerade von den Toten auferstanden. „Hello Hooray“ erklingt zum Einstieg in souverän-lockerer Crooner-Manier, doch schon „House Of Fire“ kommt handfest-rockend über die gruftig-dekorierte Bühne, der bleichgesichtige Sänger hat seinen Frack gegen die Lederweste getauscht. Die blonde, netzbestrumpfte Orianthi Panagaris sowie Tommy Henriksen und Ryan Roxie an den drei (!) Gitarren, Chuck Garric am Bass und ein hoch motivierter Glen Sobel am Schlagzeug liefern dazu brodelnd-treibenden Hintergrund. Die folgende, knapp neunzigminütige Hitparade kommt trotz kleiner Auszeiten des betagten Sängers so energiegeladen über die Bühne, dass man innerlich den Hut zieht vor so viel Professionalität und Leidenschaft.

Das wissen auch die zwei schwarzgekleideten Freunde in einer der mittleren Reihen zu schätzen, die ganz so aussehen, als hätten sie schon manche Cooper-Tournee erlebt. Kennerblicke werden gewechselt, als der Sänger seinen Degen gegen eine überdimensionale pinkfarbene Kaffeetasse tauscht und ein Loblied auf das schwarze Gold anstimmt („Caffeine“). Ihre anfängliche Zurückhaltung haben die beiden Endvierziger schnell abgelegt, gehen beim Einstieg von „Hey Stoopid“ begeistert mit. Wer hat, schüttelt jetzt seine Mähne „Über zwanzig Jahre alt und rockt noch immer!“ ruft der eine begeistert, während der andere ihm vor Freude über das Hit-Feuerwerk mit Wiedererkennungswert unentwegt um den Hals fällt. Und als sich Cooper kurz zurückzieht, packen sie in stiller Übereinkunft die Luftinstrumente aus und mischen bei pausenfüllendem Schlagzeug und Gitarrensolo mit wie zwei alte Hasen.

Jeder Song erhält Szenenapplaus

Nicht nur für sie ist es ein Abend zum Mitspielen und -singen: Ein von Blitz und Donner eingeleitetes „Welcome To My Nightmare“, das von Coopers Peitschenhieben begleitete „Go To Hell“, ein mitreißendes „He’s Back (The Man Behind The Mask)“, die selbstironische geschwungene Krücke bei „I’m Eighteen“, das im blutbeschmierten Kittel dargebrachte „Feed My Frankenstein“ mit effektvoller Verwandlung des Rockers in ein Riesenmonster – jeder der eingängigen Songs und jedes der schon traditionellen Requisiten erhält Szenenapplaus. Geradezu ohrenbetäubend ist der Jubel, als die Guillotine auf die Bühne gerollt wird und der mittlerweile in der Zwangsjacke steckende Cooper – zum Schein – den Kopf verliert. Das macht nicht nur beim Zusehen Spaß, sondern ganz offensichtlich auch Band und Sänger auf der Bühne, die sich nach Lust und Laune verausgaben. Und just in dem Augenblick, als man schon glaubt, dass Coopers Reibeisen-Stimme vor Überanstrengung brechen muss, zieht der noch eine Hommage an verblichene Rocklegenden wie Jim Morrison („Break On Through“), John Lennon („Revolution“), Jimi Hendrix („Foxy“) und Keith Moon („My Generation“) aus dem Ärmel und klingt bei den mitunter hohen Stimmlagen beinahe so rein wie ein Chorknabe.

Rock am Langener Waldsee

Rock am Langener Waldsee

Da ist die Show schon fast am Ende. Nur „Poison“ darf nicht fehlen, Coopers Über-Hit, – die zwei bierseligen Rockfans sind längst zum Ausdruckstanz übergegangen – und natürlich „School’s Out“, das mit Pink-Floyd-Zitat, reichlich Konfetti und überdimensionalen Luftballons zum Gänsehaut erzeugenden Finale einer perfekten, aber jederzeit glaubwürdigen Show wird. Möge die graue Eminenz der Schockrocker noch lange touren...

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