Alles eine Frage der Haltung

Kultiviertheit ist keine Frage der Mode, sondern der Haltung. Im Zeitalter des Bauernlümmels ist das bisweilen in Vergessenheit geraten.

Max Raabe und sein Palastorchester feiern bei ihren Auftritten also nicht eine (vermeintlich) gute, alte Zeit, in der es – ganz nebenbei – sicher ebenso viele Flegel wie heute gegeben hat, sondern nutzen die Schlager- und Filmmusik der späten Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre, um die Zeitlosigkeit von Tugenden wie Können und Witz unter Beweis zu stellen. Mit tadellosen Manieren, versteht sich.

Damit lässt sich punkten, in New Yorks ehrwürdiger Carnegie Hall wie auch in Offenbachs Stadthalle, die zwar gewiss nicht das Flair erstgenannter Kulturstätte, aber bei Raabes nahezu ausverkauftem Konzert auf jeden Fall ein ähnlich begeistertes Publikum bieten konnte. „Heute Nacht oder nie“ lautet der Titel des jüngsten Live-Albums der Berliner und das gleichnamige Lied stimmte auf ein Programm voller Evergreens ein, die vordergründig ein gemeinsames Thema, die Liebe nämlich, verband. Die ist bekanntlich ein seltsam’ Ding, worüber sich so mancher zunächst harmlos daherkommende Schlager mit gehörigem Wortwitz auslässt.

Mit Klassikern wie „Ich küsse ihre Hand, Madame“, „Veronika, der Lenz ist da“ oder den großen Standards aus dem American Songbook durften sich Raabe und das souverän musizierende Palastorchester während des gut zweistündigen Auftritts ohnehin auf der sicheren Seite fühlen, doch das Ensemble ging weiter und präsentierte Versionen und Arrangements, die den Liebhaber verrieten. Gene Kellys unsterbliches „Singin’ In The Rain“ etwa wird in der Adaption eines Tanzorchesters aus den frühen Dreißiger Jahren geboten; „Dream A Little Dream“ ist kein folkiger Satzgesang mehr, sondern das sanft swingende Original des Wayne King Orchestra aus 1931.

Die Fähigkeit des Palastorchesters, je nach Bedarf auf lässigen Swing, operettenhaften Schmelz oder die präzise Mechanik eines Tanzorchesters umschalten zu können, offenbarte die wahre Güte des Ensembles ebenso wie Raabes mal zarter, mal schmachtender, mal scherzender Bariton und seine so eigenwilligen wie launigen Conférencen. Das wird in einer Eleganz präsentiert, wie sie nur aus kultivierter Haltung möglich ist. Ein Smoking und gegeltes Haar würden da allein nicht reichen.

CHRISTIAN RIETHMÜLLER

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