Alles Private ist öffentlich

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In den Chorszenen geht es bei der „Hochzeit des Figaro“ in Mainz durchaus handfest zur Sache.

So possierlich die kugelrunden Kakteen aussehen: Immer wieder stoßen sich die Protagonisten empfindlich an den Pflanzen, die in Wolfgang Amadeus Mozarts „Le Nozze di Figaro“ die Bühne garnieren. Von Jörg Sander

Für die Neuinszenierung von Arila Siegert im Großen Haus des Mainzer Staatstheaters hat Bühnenbildner Hans Dieter Schaal einen lichten Raum errichtet, in den frei stehende Türen hinein- und hinausgehoben werden: Es gibt kein Außen und kein Innen, alles Private ist öffentlich in dieser Sicht auf Lorenzo da Pontes Libretto – die Handlung spielt sich erfreulich bewegt ab.

Arila Siegert ist Tänzerin und Choreografin, das kommt dem „Figaro“ sehr zu Gute. Niemand hält sich zufällig auf, wo er steht, das ist schon während der Ouvertüre so. Musikanten schwingen ihre Instrumente im Gleichklang mit dem Duktus des voranschreitenden bis getriebenen Vorspiels – ein treffendes Bild für Mozarts Theater aus der Musik, wie in den Finales des zweiten und vierten Akts musikalisch auf enorm hohen Niveau zu erleben ist.

Diese Ensembleszenen sind aufs Beste ausgefeilt und abgestimmt. Kapellmeister Thomas Dorsch, der eingangs Diskrepanzen zwischen Bühne und Graben nicht verhindern kann, leistet Erstaunliches. Auch klingt das Philharmonische Orchester so leicht wie federnd, so kompakt wie präzise.

Auf der Bühne sorgen starke Charaktere für eine erfreuliche Produktion. Der Graf Almaviva von Dietrich Greve gibt sich vokal angemessen schwarz. Seine Gräfin in Gestalt von Susanne Geb reflektiert ihr Schicksal mit Würde. Als Figaros Verlobte Susanna macht Sopranistin Tatjana Charalgina manche Blässe und Schmalheit ihrer Stimme durch quirliges Spiel wett.

Die meisten Partien sind aus dem Ensemble besetzt. So kann Patrick Pobeschin als Figaro brillieren, dem am auffallend stark umjubelten Premierenabend die Koloraturen und Verzierungen sehr gut gelingen. Als Page Cherubino klingt Patricia Roach nicht nur wissend und abgeklärt, wenn sie eine filigrane Leiter ersteigt. Der präzise artikulierende Chor (Einstudierung: Sebastian Hernandez-Laverny) freilich wird etwas pauschal und szenisch parallel zur Musik geführt – Siegert liegt die Arbeit mit Individuen spürbar besser.

Die nächste Vorstellung ist am 23. Juni.

Karten: 06131 2851-222, kasse@staatstheater-mainz.de

Vom etwas gestrigen Sujet um das gräfliche Recht der ersten Nacht kann die Regie ablenken: Ihre Sicht ist eine ständige Posse, zeigt ein permanentes Getriebensein der Figuren, mit denen sie liebevoll umgeht – selbst mit dem autoritätshörigen Richter Curzio (herrlich devot: Alexander Kröner), der unter seinem Talar auf Knien rutscht und die Akten hinter sich herzieht (Kostüme: Susanne Maier-Staufen). Solche Einfälle geben dem „Figaro“ Witz und Esprit. Die Synchronität der Ensembles lässt keine Wünsche offen. Wer sich an der verwickelten Handlung reibt, kann die Inszenierung als musikalisch äußerst hochwertige Revue an sich vorbeiziehen lassen. So ist dieser „Figaro“ auf hohem Niveau zu genießen: Zahlreiche Vorhänge; auch das Regie-Team wird ausdrücklich bejubelt.

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