Mit Leib und Seele dabei

Frankfurt - Einem Quartett aus Solisten mag man zunächst mit Skepsis begegnen. Können vier Virtuosen zum harmonischen Ensemble zusammenfinden? Das Frankfurter Debüt von Julia Fischers neu gegründetem Quartett zerstreute in der Alten Oper umgehend alle Zweifel. Von Eva Schumann

Die vielfach preisgekrönten Musiker zelebrierten ein mitreißendes Zusammenspiel als gleichberechtigte Partner, die ihre Individualität nicht aufgeben und sie doch dem gemeinsamen Konzept unterordnen. Und die mit ganz offensichtlichem Vergnügen miteinander musizieren. Geiger Alexander Sitkowetsky, Bratscher Nils Mönkemeyer, Cellist Benjamin Nyffenegger und Geigerin Julia Fischer kennen sich schon seit langem.

Überzeugender konnte gleich zu Anfang die perfekte Kommunikation nicht demonstriert werden als mit Haydns F-Dur-Werk aus op. 77. Als des Meisters letztes vollendetes Streichquartett ist es der Gipfelpunkt seines Quartettschaffens und alles andere als ein Einspielstück. Das Ensemble versagte ihm die Aura klassischer Abgeklärtheit, packte es energisch an und offenbarte die reizvolle Lebendigkeit der Komposition. Dabei gelang die Synthese von temperamentvoller Hingabe und analytischem Überblick, bei beredtem Wechsel zwischen Ruppigkeit und Grazie, Ernst und Übermut. Das Menuett spielten sie mit Pepp als stürmisches Scherzando, das Trio kontrastierte mit warmem Timbre wie Orgelklang. In den Variationen des Andantes, in denen alle Partner sich mit tonschönen Soli profilierten, war beeindruckend vor allem die Kunst der Primaria, Schönheit und Sanglichkeit einer Melodie mit Schlichtheit zu vereinen. Die witzigen Haydnschen Einfälle kamen besonders im Finale köstlich zur Geltung.

Beifallssturm für das junge Quartett

Das Ensemble stürzte sich dann förmlich in Mendelssohns e-Moll-Streichquartett op. 44,2, mit leidenschaftlicher Glut, die puren Wohlklang hintan stellte – ein Musizieren mit Leib und Seele. Im aufblühenden zweiten Thema bezauberte besonders das Cello. Jeder Impuls wurde traumhaft sicher aufgenommen, Themen wanderten rundum. Mit fabelhafter Präzision huschten im Scherzo Kobolde und Elfen vorbei. Im Andante spannte Julia Fischer wieder den großen kantablen Bogen. Vom Vorwärtsstürmen im Agitato glitt sie mit ihren Partnern unmittelbar über in versöhnliche Süße.

Nur die Interpretation des Schubertschen d-Moll-Quartetts „Der Tod und das Mädchen“ konnte diese Eindrücke noch übertreffen, eine existenzielle, erschütternde Deutung. Im Kopfsatz ließ das Ensemble bereits das Unheimliche, Trügerische des Todesgesprächs anklingen, trotzig, schroff, mit fahlem Klang und scharfen Tönen. Mit packender Steigerung dann der Liedsatz, in dem alle Instrumente ihren betörenden Auftritt hatten. Im atemberaubenden Finale kam in der ständigen Wiederholung die Unerbittlichkeit zum Ausdruck. Dem Beifallssturm konnte sich das junge Quartett nicht entziehen; es griff nochmals auf Haydn zurück.

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