Simon Rattle und Berliner Philharmoniker begeistern

Akribischer Analytiker am Dirigierpult

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Sir Simon Rattle

Frankfurt -  Der Mann schafft Spannungsfelder, denn das Seelenvolle ist seine Sache. Zudem gilt Sir Simon Rattle als akribischer Analytiker sinfonischen Geschehens. Und er dirigiert ein Orchester, das seine Erkenntnisse unmittelbar umzusetzen versteht. Von Klaus Ackermann

Berliner Philharmoniker

Einmal mehr dokumentierten Rattle und die Berliner Philharmoniker in der Alten Oper ihre Weltklasse. Anhand so unterschiedlicher Komponisten wie dem Neutöner Pierre Boulez und dem Spätromantiker Anton Bruckner. Klänge aus dem Tropfenfänger: Es klickert und klackert wie zu besseren Zeiten der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik, die Pierre Boulez in den 1960er Jahren befeuert hat, spröde kompositorische Rechenkunst mit Klang-Sinnlichkeit parierend. Etwas später entstanden auch die Orchester-Fassungen der „Notations“ für Klavier, lakonische musikalische Momente auf Basis der Zwölftonreihe, deren Nummer VII der Franzose erst 1997 orchestrierte.

Die Aufführungs-Reihenfolge dieser sieben knappen, aber charaktervollen Sätze überlässt Boulez stets dem dramaturgischen Spürsinn des Dirigenten. Und Rattle zeigt Schicht für Schicht orchestrale Weiterentwicklungen auf, das Geflecht an Mikro-Motiven so gründlich sondierend, als gelte es der historischen Klangforschung die der Moderne entgegenzusetzen. In üppiger instrumentaler Besetzung, prädestiniert für zarte Impressionismen voller Leuchtkraft wie für burlesk-tänzerische Gänge gleichsam mit vollem (Orchester-) Werk.

Elementare Klangerlebnisse - lustvoll und lebendig

Da wird manch dramatischer Knoten eng geschnürt, ein instrumentales Buschfeuer gezündet und noch rhythmisch angefacht. Von Orchesterstimmen, die selbst innerhalb der Streicher mehrfach geteilt sind. Elementare Klangerlebnisse – vom Berliner Professoren-Orchester so lustvoll wie lebendig vollzogen, als sei Boulez ihr täglich Brot. Schon hier fällt auf, wie eng Streicher, Bläser und das üppige Schlagwerk im Legato-Strom miteinander verwoben sind. In der Sinfonie Nr. 7 E-Dur von Bruckner (in Urfassung erhalten, weil dem leicht beeinflussbaren Mystiker aus Linz diesmal keiner dreinredete) sorgt das für zwingende dynamische Steigerungen, die kontinuierlich in Bann schlagen.

Sir Simon Rattle

Es sind die bekannten Bruckner-Gestalten, der vor allem in dieser Sinfonie aus seiner Wagner-Verehrung kein Hehl gemacht hat, im schwelgerisch chromatischen Hauptthema der Celli, das sich aus dem Tremolo der Streicher, dem „Urnebel“ löst, wie vor allem im Adagio, Trauermusik zum Tod des Bayreuther Meisters. Da ist Hochspannung im satten Chroma mit seinen liedhaften melodischen Wendungen, und der dunkle, weiche Abgesang der „Wagner-Tuben“ erwärmt.

Roger Waters mit "The Wall" in Frankfurt

Roger Waters mit "The Wall" in Frankfurt

Doch Rattle, der das Melos ebenso fein austariert wie er an den dramaturgischen Stellschrauben dreht, misstraut dem permanenten Gipfelsturm, der bei Bruckner gelegentlich abrupt abbricht, um ein neuerliches Abenteuer zu wagen, zugunsten einer schier kammermusikalischen Eindämmung der orchestralen Flut. Wie er den hohlen Oktav-Donner des Scherzo schneidend schärft – und final die Streicher- und Bläser-Sonnen nahezu schmerzhaft hell scheinen lässt. Bruckner, Rattle und die Berliner – eine konzertante Sternstunde.

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