Spannung durch Kontrapunkte

Stephan Pauly leitet seit 1. März die Alte Oper Frankfurt.

Frankfurt - Privat, sagt Stephan Pauly, höre er ganz wenig Musik, weil er beruflich ständig von ihr umgeben ist. Er genieße es, auch mal gar nichts zu hören – oder Nachrichtensender. Seit dem 1. Von Stefan Michalzik

März ist der Vierzigjährige Intendant und Geschäftsführer der Frankfurter Alten Oper, als Nachfolger von Michael Hocks, der nach 14 Jahren in den Ruhestand gegangen ist.

Den persönlichen Geschmack stuft Pauly als wichtige Größe für die Leitung eines international ausgerichteten Konzerthauses ein, die bestimmende dürfe er aber nicht sein. Ein Klassikprogramm gehe aus dem Zusammenspiel eigener Ideen mit einer Analyse der Situation am Haus und in der Stadt sowie der Betrachtung des Angebots anderer Konzerthäuser hervor. Eine große Rolle spielten Gespräche mit den Künstlern.

Spannung durch Zusammentreffen von alter und neuer Musik

Stephan Pauly, geboren am 27. Februar 1972 in Köln und aufgewachsen in Bayreuth, studierte Philosophie und Theologie sowie Theater- und Opernregie in München und Rom. Seit 2002 ist er am Salzburger Mozarteum tätig gewesen, zuletzt als künstlerischer Leiter und kaufmännischer Geschäftsführer. Seine Verantwortung für das Programm in Frankfurt setzt mit der Spielzeit 2013/14 ein.

In Salzburg hat Stephan Pauly dramaturgische Brücken zwischen der Tradition, Moderne und zeitgenössischer Musik geschlagen. Das „Klassikklischee“, demzufolge der Markt sich dauernd selbst bestätigt, treffe nur einen Teil der Wahrheit. „Es gibt Gründe, warum sich starke Dinge durchsetzen.“ Darum sei es nicht zu bemängeln, dass sich Dinge in der Klassikwelt wiederholen. Aus der Wiederbegegnung mit Bekanntem und der Unterscheidung von Interpretationen schöpfe sich eine Lust. Ein lebendiger Kern für ein Konzertprogramm.

Ein Spannungsverhältnis könne freilich erst entstehen, wenn man Kontrapunkte setzt. Etwa durch ein Zusammentreffen von alter und neuer Musik, oder durch andere Konzertformen, die eine Begegnung mit anderen Kunstformen wie Tanz und Film ermöglichen. „Wenn klassische und zeitgenössische Musik zusammenkommen, da öffnen sich die Ohren anders.“ Pauly plant eine Reihe mit zeitgenössischer Musik, darunter vielen Uraufführungen, mit einem sich über fünf Jahre erstreckenden inhaltlichen Bogen.

Pauly lobt die Verdienste seines Vorgängers

Es brauche eine gute Balance zwischen einer lebendigen Pflege des Repertoires in starken Interpretationen sowie „Ausbrüchen und Aufbrüchen“. Die zeitgenössische Musik spiele sich nach wie vor in einem Ghetto ab, mit einem starken Drang zum Neuen und einer Scheu vor der Wiederholung. In der Klassik hingegen herrsche ein Drang zur Wiederholung und eine Scheu vor dem Neuen, pointiert gesprochen auch in einem Ghetto. Wenige Hörer nur bewegen sich hier wie da mit dem gleichen Interesse. Ein möglicher Ansatz: Konzertformen zu erfinden, in denen das klassische Konzertritual aufgehoben ist. Die sich etwa durch eine ganze Nacht erstrecken. Eine Öffnung der Szenen, das sei eine Herkulesaufgabe und die Zukunftsfrage für alle Konzerthäuser.

Stephan Pauly lobt die Verdienste seines Vorgängers Michael Hocks. Da gelte es weiterzumachen und neue Akzente zu setzen. Zusätzlich zum „Auftakt“-Festival mit seinem Komponisten- und Interpretenporträt möchte Pauly über die ganze Spielzeit verteilt inhaltliche Schwerpunkte unterschiedlicher Art – ein Künstler, ein Thema – setzen. Als besonders wichtig bezeichnet er den Ausbau des Programms für Kinder, Jugendliche und Familien. Künftig soll es Angebote auch für die Allerkleinsten unter zwei Jahren geben, und am anderen Ende welche für junge Erwachsene.

Wenn Stephan Pauly über frühe prägende Erlebnisse mit der Musik – etwa mit Wagners „Tristan“ in Bayreuth – spricht, spürt man, das sie für ihn nach wie vor keine rein dienstliche Angelegenheit ist. „Wenn einen Musik dergestalt trifft und entwaffnet, dass man es überhaupt nicht mehr erklären kann: Darum geht es.“

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