Alter Wein in neuen Schläuchen

Offen ausgelebtem Individualismus scheinen heutzutage kaum Grenzen gesetzt. Einen nicht geringen Anteil daran hat die Rockkultur. Doch bei näherer Betrachtung erweist sich die Alternative zur Norm als genauso konform wie der oft geschmähte Mainstream, wie ein kurzer Blick in die überfüllte Offenbacher Stadthalle zeigt: flächendeckende Tattoos, dichte Backenbärte, rasierte Glatzen, eingefettete Tollen, kerzengerader Irokese, üppige Piercings und schwarze Kleidung gehören schlicht dazu, sonst gerät der sich optisch Unterscheidende schnell in den Verdacht, nicht gleicher Gesinnung zu sein. Von Ferdinand Rathke

Noch verblüffender gestaltet sich die Tatsache, dass gesellschaftliche Außenseiter mit der gleichen Faszination auf den nicht in die Schablone „Alternative“ passenden Unangepassten starren: Ein eigens aus Großbritannien angereister Kauz in rotschwarzen Karos mit orangenem Haar erntet, während die Vorgruppe Sick Of It All mit brachialer Lautstärke die Stimmung anheizt, samt Freundin in englischer Schuluniform im Foyer Blicke, als wäre er ein exotisches Tier im Zirkus. Ebenso wenig dem Individualismus verpflichtet fühlen sich die in Boston ansässigen Dropkick Murphys. Mit klassischem Dudelsack-Spiel von Band-Mitglied Scruffy Wallace im traditionellen Schottenrock startet das Spektakel noch halbwegs originell.

Doch was anfänglich wie eine Überblendung von Folk und Rock mit dem deutschstämmigem Sänger Al Barr im Mittelpunkt anmutet, offenbart rasch seine wahre Natur: Ein im aberwitzigen Tempo praktiziertes Trommelfeuer zwischen Punk, Hardcore und Irish Folk mit wenig Sinn für Melodik, aber viel Gegröle wie im Fußballstadion. Ältere Semester fühlen sich bei dem ausgelassenen Treiben verblüffend an die von dem charismatischen Frontmann Shane McGowan angeführten Folk-Punk-Veteranen The Pogues erinnert, die in den Achtziger Jahren mit gleicher Mixtur für Furore sorgten. Den überwiegend jüngeren Besuchern scheint die frappierende Ähnlichkeit in ihrem fortgeschrittenen alkoholisierten Zustand egal zu sein.

Abgesehen davon bleibt der Überraschungsfaktor reichlich gering. Alter Wein in neuen Schläuchen eben. Zwar integriert das Septett Banjo, Akkordeon und Dudelsack in seine mitunter nicht mal zweiminütigen Songs, doch Originelles, wie die klassische Pop-Hymne „Sunshine Highway“ findet sich ebenso sparsam verstreut wie ein famoses Solo von Gastsängerin Stephanie Dougherty. Gut unterhalten fühlt sich das „Let’s Go Murphy“ skandierende Publikum trotzdem.

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