Altgriechen blasen zu jazziger Attacke

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Geigerin Janine Jansen und Dirigent Paavo Järvi machten mit Leonard Bernsteins „Serenade“ bekannt.

Frankfurt - Dass es ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist, wusste schon der Franzose Edgard Varèse. Seine „Amériques“, Großstadtszenen aus der Neuen Welt, bauen auf eine gigantische Besetzung – selbst die Sirene jault nach Noten. Von Klaus Ackermann

Viele Gastmusiker ergänzten das hr-Sinfonieorchester bei zwei Konzerten in Frankfurts Alter Oper, mit Chefdirigent Paavo Järvi, der ein Amerika moderner Lesart beschwor. An der Spitze eine fulminante niederländische Geigerin: Janine Jansen, Artist in Residence bei den Funk-Sinfonikern, machte mit der „Serenade“ von Leonard Bernstein bekannt. Dem Bilderbogen im Breitwandformat gab auch Charles Ives die Farbe, Urvater der US-Musik des 20. Jahrhunderts.

Kaum ein Komponist hat den Jazz so in die Kunstmusik integriert wie der charismatische Dirigent Bernstein. In den Three Dance Episodes from „On The Town“, seinem Musical-Erstling, grüßt die legendäre „West Side Story”, im federnden U-Bahn-Rhythmus mit Blues-Anleihen wie in der unheimlichen Parkszene, wenn ein Matrose ein Schulmädchen bedrängt. Ballroom-Atmosphäre in „Times Square“, dessen an Gershwin erinnerndes Akkord-Pfefferminz das mit schneidendem Klarinetten- und süffigem Altsaxofon-Ton aufwartende Orchester genüsslich lockt.

Wie nahe Bernstein modernen Klassikern stand, wird in der „Serenade“ für Solovioline, Streicher, Harfe und Schlagzeug von 1954 klar, die auf Platons „Gastmahl“ gründet, antike Reflexionen über die erotischen, märchenhaften, dämonischen und fröhlichen Momente der Liebe. Viel Arbeit für die virtuos Druck machende Geigerin Jansen, deren Stradivari prädestiniert scheint für bittersüße Kantilenen, fürs geheimnisvolle Fugato, für Dialoge mit Violoncello und Trompete sowie für delikate Doppelgriffkadenzen in höchsten Tönen. Am Ende blasen Altgriechen zur jazzigen Attacke, während die Teufelsgeigerin Paganini-Schwierigkeitsgrade an Grenzen der Tonalität erklimmt.

In dieser Umgebung ist „The Unanswered Question“ von Charles Ives (1874-1954) eine Oase der Ruhe – ewige Frage nach dem Sinn allen Seins. Von wohligen Streicherakkorden im Pianissimo unterlegt, wird sie vom auf der Empore platzierten Trompeter sechsmal unverändert gestellt und von auf dem Balkon platzierten Flötenquartett erst eilfertig, dann irgendwie resignierend kommentiert.

Drei Kesselpauken, zwei große Trommeln, sechsfach besetzte Holz- und Blechbläser und eine mächtige Streicher-Armada benötigte Varèse (1883-1965) für seine archaisch anmutenden, ritualisierten Klangwelten. Järvi hat das wohl größte Orchester, das je in der Alten Oper musizierte, sicher im Griff, wie er zielstrebig Ordnung ins Chaos bringt. Ein philharmonisches Inferno, das die hr-Sinfoniker indes mehr in Spannung hält als die Zuhörer...

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