Andrea Berg in der Festhalle

Gefühlige Gefühle im Märchenland

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Mal nicht im ledernen Gewand: Andrea Berg als Königin von „Atlantis“. Foto: Georg

Frankfurt Auf ihrer „Atlantis“-Tour machte Schlagerstar Andrea Berg in der Festhalle Frankfurt Halt. Zur Halbzeit muss Platons mythische Inselstadt dann doch noch einmal untergehen. Von Peter H. Müller

 Unter großem Feuerwerk, mit Lava-Funkenregen, Flammenfontänen und allem, was man sonst noch so per „Video-Mapping“ auf die Pappmaché-Traumkulisse projizieren kann. Die „Königin“ hüpft derweil nach „Schenk mir einen Stern“ punktgenau zur Final-Pauke todesmutig in eine Laufsteg-Luke und verschwindet in der Unterwelt der Festhalle. Aber Andrea Berg ist auf ihrer „Atlantis“-Tour auch in Frankfurt heil gelandet und gönnt sich zum Ende des ersten Aktes ihrer opulenten, von Leder-Outfits befreiten Phantasieshow nur eine Pause.

Und keine Sorge, die „Unterwassertempel“-Deko steht ebenfalls noch, Deutschlands Schlager-Ikone Nr. 1 wird ihre rund 8000 restlos begeisterten Fans auch in der zweiten Konzerthälfte nachhaltig beglücken - als nahbare Sozialarbeiterin der gepeinigten Herzen, an der Seite eines Publikums-Poseidons, mit pathetischen Traum-Balladen, feuchten Tanzeinlagen und musikalischer Kilometerware des Mittelmaßes. Natürlich wie stets auch mit gefühligsten Gefühlen, die eben keine Schweigepflicht haben. Ein echtes Phänomen, das sich nicht jedem Betrachter auf Anhieb erschließt.

„Tabaluga“-Universum für Fortgeschrittene

Zuweilen ist es ja durchaus ein zweifelhaftes Vergnügen, wenn man bei einem solchen Illusions-Event seitlich, in der ersten Reihe, ganz nah an der Bühne sitzen und alles noch viel besser sehen darf. Man blickt immer wieder ernüchtert hinter die Kulissen dessen, was den Rest des Saales in Verzückung versetzt. Anders formuliert: Dieser von DJ Bobo ausgeheckte Kitsch mit Fabelfiguren, einer menschlichen Riesenschildkröte namens „Sushi“, Wasser-Ballett, rosafarbenen Algen, Atlantis-Kindern und anderen Elfen verliert viel von seinem offenbaren Zauber.

Zudem fragt man sich mit jeder Minute mehr, ob die wirkliche Welt tatsächlich so schlimm sein kann, dass man dieses naiv-infantile Märchen-Theater braucht, um ihr - immerhin für zwei Stunden - zu entfliehen. Keine Frage, Andrea Berg, 47, scheint bei ihren treuen Fans immer wieder einen Nerv zu treffen: Sie singt von der Liebe in allen Variationen, vom Aufbruch und trotzigem Träumebewahren, von bittersüßen Küssen und davon, über Brücken in den Himmel zu steigen - schwerelose Reisen in die Unendlichkeit nicht ausgeschlossen. Die „Atlantis“-Kulisse, eine Art „Tabaluga“-Universum für Fortgeschrittene, gibt dabei natürlich die geeignete Projektionsfläche.

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Egal, ob sie mit Glitzer-Pumps und Pailletten-Mini im Rosenblüten-Regen „Auch heute noch“ anstimmt, barfuß, mit Engelsgewand gestärkt „Im nächsten Leben“ ihren verstorbenen Vater grüßt oder von Streichern und Harfe geleitet „Wirst du mich lieben“ balladiert - der Image-Wechsel von der Soft-Domina zur gereiften Märchen-Prinzessin ist mehr als plakativ inszeniert. Und ihre Ansagen, so vorgestanzt sie wirken mögen, treffen offensichtlich mitten ins Herz, Denn hier in ihrem Atlantis „zählt nunmal nur, was wirklich wichtig ist - das ganz tiefe Gefühl, der Atemzug pures Glück, die große Sehnsucht.“

Amen, kann man da nur konsterniert sagen, und trocken feststellen, dass selbst Oben-ohne-Trommler („Piraten wie wir“) oder unvermittelt eingestreute „Flashdance“-Einlagen mit Riesendusche und einem ambitioniert zu Werke gehenden Ballett-Pärchen - „What a feeling“ - dem kollektiven Eskapismus nichts anhaben können. Gassenhauer wie „Du hast mich tausend Mal belogen“ oder „Flieg mit mir fort“ tun dann bis zum Ende der zweistündigen Seligkeit ein Übriges. Es war wieder ein grandioser Abend - zumindest für alle Fans der besten Schlagerfreundin von nebenan.

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