Andrés Orozco-Estrada in der Rolle als Chefdirigent

Qualität hat Vorrang

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Sympathisch kommt der 37-jährige Kolumbianer rüber, wohl wissend, dass einer das Sagen haben muss.

Frankfurt - Zur neuen Spielzeit tritt Andrés Orozco-Estrada sein Amt als Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters an, dessen Klang der Kolumbianer zu schätzen weiß. Von Stefan Michalzik 

Demokratie? Nein, sagt Andrés Orozco-Estrada, die könne es beim Musizieren mit einem Orchester nicht geben. Es handle sich um ein kleines Universum. Viele Menschen kommen zusammen, jeder bringt eine eigene Welt mit. Es gebe unendlich viele Konstellationen, ähnlich wie bei Planeten. Das in einem Klang zusammenzufassen - eine große Herausforderung. Die Rolle des Dirigenten als Diktator habe sich längst überlebt, er dürfe nicht ohne Respekt die Musiker unterwerfen. Um Führung gehe es vielmehr, und um Verantwortung. Man müsse gut vorbereitet auf die Probe kommen, korrigieren, und gleichzeitig die Ohren offen haben für das, was die Musiker anbieten. Einer müsse natürlich das Sagen haben. Entscheiden, ob forte oder piano gespielt wird.

Mit Beginn der neuen Spielzeit übernimmt Andrés Orozco-Estrada die Position des Chefdirigenten beim hr-Sinfonieorchester in Frankfurt, in der Nachfolge von Paavo Järvi. Schon seit einigen Jahren wird er als „Jungstar“ gehandelt, als einer der viel versprechendsten und gefragtesten Dirigenten seiner Generation, so jung wie er hat noch niemand diese Position angetragen bekommen. An seinem neuen Orchester, sagt der 37-Jährige, interessiere ihn die Tradition des auf die Romantik zurückgehenden deutschen Klangs; das Charakteristikum ist ein dunkler Ton, der in den Bässen sein Fundament hat, im Gegensatz zu einer mediterranen Leichtigkeit und Helle. Vor allem mit Zyklen von Mahler und Bruckner hat sich das Orchester in den vergangenen Jahrzehnten ein internationales Renommee erspielt. Daran gelte es anzuknüpfen und gemeinsam zu wachsen, mit einer anderen Lagerung der Schwergewichte im Programm. Genauigkeit und eine „Top-Qualität“ schreibt er dem Orchester zu. „Trotzdem ist zum Glück ein bisschen mehr herauszuholen.“

Mehr Wiener Klassik und Richard Strauss

Ein regionales Gewicht, wie es von Musikern mit einer Herkunft außerhalb Europas schon fast erwartet wird, pflegt Andrés Orozco-Estrada nicht. Er sieht sich nicht zur Rolle eines Botschafters der lateinamerikanischen Musik berufen. Sein Interesse gilt vielmehr dem „Kernrepertoire“ um die Wiener Klassik und die musikalische Romantik. Richard Strauss will er in jeder Saison spielen, Mahler nennt er, Brahms soll stärker zum Zuge kommen. Ein Beethoven-Zyklus ist für 2015/16 vorgesehen, „in einer besonderen Form“, mehr will er nicht verraten. Was das Orchester zuletzt viel gespielt hat, Bruckner und Nielsen zum Beispiel, brauche man vorläufig nicht zu wiederholen. Zu allen Zeiten ist fast nur zeitgenössische Musik gespielt worden, heute ist das nicht mehr der Fall, es gibt einen Zustand der Entzweiung mit dem Publikum. „Schwierig“, ist das erste Wort, spricht man Andrés Orozco-Estrada darauf an. Auf zeitgenössische Komponisten lege er schon Wert, eine Uraufführung in jeder Saison habe es an der vorhergehenden Wirkungsstätte in Wien gegeben. Es gelte jedoch zu bedenken, was ins Programm passt. Das Publikum müsse eine gewisse Freude an der Musik haben. Raum müsse auch für neue Entdeckungen sein. In der ersten Saison wird er mit den hr-Sinfonikern das Orchesterwerk „Orion“ der finnischen Komponistin Kaija Saariaho spielen.

Sommernacht mit der Neuen Philharmonie Frankfurt (2012)

Wilhelmsbader Sommernacht mit der Neuen Philharmonie

13 bis 14 Wochen im Jahr will Andrés Orozco-Estrada mit dem Orchester verbringen, in der ersten Saison wird es weniger sein, da der Vertrag recht kurzfristig abgeschlossen worden ist. Zeitgleich ist der in Medellin geborene Dirigent als Music Director bei Houston Symphony unter Vertrag und ab 2015 Erster Gastdirigent des London Philharmonic Orchestra sowie Director Musical y Artístico de la Filarmónica Joven de Colombia. Auf die Rolle des Glamours in der klassischen Musik angesprochen verweist Andrés Orozco-Estrada auf das Primat der Qualität des Klangs. Eine gewisse Anziehungskraft, „für normale Menschen an den Fernsehern“ - diese Chance schätzt er auch am Rundfunkorchester -, sei aber dienlich, um die Leute anzuziehen. Bloß oberflächlich dürfe es nicht bleiben.

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