Roger Waters baut noch einmal „The Wall“ auf

Angenehm betäubt

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Frankfurt - Mit seinem Anti-Kriegs-Drama „The Wall“ hat Pink-Floyd-Gründer Roger Waters in der Commerzbank-Arena in Frankfurt Zehntausende Fans in seinen Bann gezogen. Von Carsten Müller

Wer über Pink Floyds „The Wall“ sprechen will, muss weit ausholen. Jahrzehnte sind vergangen, seit das Konzeptalbum der britischen Rock-Akademiker Furore machte. Die Welt hat sich seitdem verändert. Pink Floyd ist Geschichte, der Kalte Krieg passé, die Globalisierung kam über uns, und selbst unüberwindlich geglaubte Mauern fielen. Allein „The Wall“ steht unverwüstlich wie ein Fels in den Gezeiten des Weltgeschehens - und füllt ganze Stadien wie die Commerzbank-Arena, wo sich jetzt 28.500 Zuschauer versammelten, um Roger Waters’ bei einem von vier Konzerten in Deutschland noch einmal live zu erleben. In wenigen Wochen steht Waters’ siebzigster Geburtstag an, und obwohl er dynamisch wie seinerzeit Steve Jobs mit erhobenen Armen die Bühne entert, auf der in den folgenden 120 Minuten eine Mauer aus Mutterkomplex und Kalter-Kriegs-Rhetorik aufbauen wird und wieder in sich zusammenfallen lässt, sind dem kreativen Kopf von Pink Floyd die Jahre anzumerken. Gleiches gilt für „The Wall“, das letzte große gemeinsame Werk der stilbildenden Rockband, dessen Botschaften im Kern noch aktuell sein mögen, deren Verpackung aber ein wenig antiquiert erscheint.

Absolut auf Höhe der Zeit

Fremd wirken heute aufmarschierende Fahnenträger, fremd der Diktator in Ledermantel und Sonnenbrille. Die Bilder von Krieg, Unterdrückung und Gleichschaltung hingegen beanspruchen zeitlose Gültigkeit wie die Widmung des Deutsch sprechenden Roger Waters, der sich allen „Opfern von Staatsterrorismus“ verpflichtet fühlt. Absolut auf der Höhe der Zeit ist auch die Show in der Arena. Angefangen beim ohrenbetäubenden, aber sensationell transparenten Sound über die effektvollen Pyrotechnik-Salven und die Animationen auf der Mauer-Leinwand, bis hin zum gigantomanischen Theaterdonner mit abstürzenden Flugzeugen und überlebensgroßen Marionetten - wie dem obligatorischen fliegenden Wildschwein, das gemütlich seine Kreise über dem Publikum zieht, bis es am Ende vor den im hinteren Hallenbereich stehenden Zuschauern niedergeht. Auch musikalisch gibt es wenig zu deuteln, die Band liefert einen souveränen Job ab, Kinderchor („Another Brick In The Wall Part 2“) und fünfköpfiges Vokalensemble („The Show Must Go On“) sind wirkungsvolle Verstärkungen für den Sänger, dessen Stimme ihr Alter nicht verleugnen kann. Besonders deutlich wird dies etwa bei „Mother“, als er live die zweite Stimme zum jungen Waters von 1980 singt, der per Videoprojektion eingespielt wird. In „Young Lust“ erscheinen beide für kurze Zeit nebeneinander auf der Projektionsfläche. Die Songs erscheinen mitunter leicht variiert, „Another Brick In The Wall Part 3“ kommt groovend daher, manches Intro wird ausgedehnt.

Durch die zur Pause geschlossene Wand bricht alsbald blaues Licht („Hey You“), schiebt sich auf kleiner Plattform die Andeutung einer Wohnstube heraus („Nobody Home“). Dann steht Waters ganz verloren vor dem Riesenbauwerk und singt „Comfortably Numb“, während der Gitarrist oben über die Kante lugt und für sein krachendes Solo Riesenbeifall erntet, der sich bei „Run Like Hell“ noch steigert, bis zu „The Trial“ die Mauer programmgemäß spektakulär in sich zusammenfällt. Die Welt hat sich verändert, Roger Waters und „The Wall“ mögen in die Jahre gekommen sein - faszinierend ist diese Art eines Gesamtkunstwerks aber noch immer. Dazu muss man kein Nostalgiker sein.

Bilder vom Auftritt

Roger Waters mit "The Wall" in Frankfurt

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