Antonys Rufe aus Jammertal des Lebens

Eine bizarre Overtüre auf nur spärlich erleuchteter Bühne der ausverkauften Frankfurter Alten Oper setzt den Rahmen für einen eigenwilligen Künstler: Antony & The Johnsons. Sichtbar für das Publikum sind nur die sechs im Kreis sitzenden Begleiter. Sänger, Pianist und Komponist Antony Hegarty zieht es vor, seine Aura in Dunkelheit zu hüllen.

Stattdessen übernimmt seine androgyne Stimme das Kommando über liedhafte Stimmungsbilder und Klanggemälde, die sich nur selten an gewohnte Pop-Formeln anlehnen. Wie vertonte Gedichte klingt es, wenn Antony über das Jammertal des Lebens Verse von lyrischer Schönheit herunter betet. Im Mittelpunkt steht dabei oft persönliche Erfahrung. Schließlich ist es kein leichtes Los, als Hermaphrodit geboren zu sein und – wie im autobiografischen Song „For Today I Am A Boy" – ein Leben lang davon zu träumen, irgendwann einmal als schöne Frau aufzuwachen.

Zumal Antony, eine Art unfassbare Antithese zur schrillen Drag-Queen, von Jugend an schwer mit seinem Erscheinungsbild kämpft: Ein unförmiger Koloss, ein geschlechtsloses Riesenbaby, das seine Fülle in weiten Gewändern versteckt, das pummelige Gesicht hinter einer zotteligen Langhaarperücke verbirgt.

Während Antony weitere spektakuläre Einblicke mit mal mehr, mal weniger zugänglichen Hymen wie „Aeon“ , „The Crying Light“ oder „Cripple And The Starfish“ gewährt, lichtet sich allmählich die Dunkelheit. Stets eine Spur lebhafter als in den Studioaufnahmen klingen Songs, die ihren Autoren in die Nähe von Genies wie Lou Reed, Scott Walker, Nico und Björk rücken. Doch richtig in Wallung gerät er nur ein einziges Mal, als er überraschend seinen angestammten Platz hinter dem Flügel verlässt, um einem aufdringlichen Fan aufzufordern, er möge sich an das Fotografierverbot halten.FERDINAND RATHKE

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