Am Rande des Schleudertraumas

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Apocalyptica beenden ihre Europatournee in Hugenottenhalle Neu-Isenburg

Neu-Isenburg - Drei Celli im gleißenden Scheinwerferlicht, drei Jungs kratzen im Affenzahn mit dem Bogen über die Saiten, der vierte malträtiert dazu nach Kräften das Schlagzeug. Von Holger Borchard

Trash- und Speedmetal auf klassischen Instrumenten am Rande des Schleudertraumas – die finnische Band Apocalyptica ist in ihrem Element. Die Neu-Isenburger Hugenottenhalle als letzte Tourstation der fidelen Finnen auf deutschem wie europäischem Boden vor dem Bühnenwechsel in die USA: Das wollen sich annähernd 1500 Fans nicht entgehen lassen. Sie werden nicht enttäuscht. 80 Minuten reguläres Programm plus 20-minütige Zugabe ist gleich 100 Prozent Headbanger-Glück.

So wenig die schnörkellos-schweißtreibende und ohne Bühnen-Gimmicks auskommende Darbietung auch zur putzigen Faschingsdeko der Halle passen mag, sie bedient die Vorlieben aller Fan-Fraktionen. Wer auf Metallica-Songs wartet, wird etwa mit „Master Of Puppets“, „One“ oder „Seek And Destroy“ bestens bedient. Natürlich gibt es auch jede Menge Sound von der aktuellen, siebten Apocalyptica-CD „7th Symphony“, für die die Jungs zwischendurch geschäftstüchtig-augenzwinkernd die Werbetrommel rühren: „Wer sie noch nicht hat: Holt sie euch. Fragt eure Mütter, die finden’s auch gut.“

Zeit für Gänsehaut-Momente

Zeit für Späßchen bleibt ebenso wie für ausgiebigen Dank an die Crew. Und natürlich für jene Gänsehaut-Momente, in denen allein das Cello auf der Bühne schmachtet, von buntem Licht perfekt in Szene gesetzt, und die Metal-Gemeinde andächtig wie in einer Kirche lauscht. Ein Haar in der Suppe finden mögen allenfalls Puristen, die sich wohl die eine oder andere Eigenkomposition im Stile von „Cult“ oder „Reflections“ mehr gewünscht hätten.

In Gustav Johnson, Ex-Sänger der Leningrad-Cowboys, hat die Band eine Stammkraft hinzu gewonnen, die live die Parts der zahlreichen Gastsänger übernimmt. Unter seiner Mitwirkung gibt es etwa „End Of Me“, „I’m Not Jesus“ oder „I Don’t Care“ zu hören. „Beautyful“ schließlich erhebt Drummer Mikko Siren in den Stand der Teufels-Cellisten, wenn auch nur als „Zupfhansl“. Der furiose Rauswerfer ist dem nordischen Meister Edvard Grieg vorbehalten. Die ICE-Version des „Peer Gynt“-Gassenhauers garnieren Toppinen & Co. mit Versatzstücken der deutschen Nationalhymne und Beethovens „Ode an die Freude“.

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