Apokalyptische Texte in düsterem Klangbild

Wie der leibhaftige Nostradamus Foto: Bernd Georg

Hallo, ihr paar tausend Leutchen, die ihr am Samstagabend nix Besseres zu tun hattet, als in der Stadthalle Offenbach abzuhängen: Ihr werdet alt, jawoll. Immerhin mit Stil. Genau gesagt, Steel. British Steel.

Judas Priest feiert offiziell 40-Jahre-Bandjubiläum. Das rechtfertigt allemal eine Tour, bei der mit Megadeth und Testament zwei wiederauferstandene Pionierbands des Trash-Metals den britischen Altmeistern den roten Teppich ausrollen. Das Geburtstagsgeschenk für sich und die Headbanger-Gemeinde haben die Herren Halford, Tipton, Downing, Hill und Travis in Form des 2008 veröffentlichten Albums „Nostradamus“ eingespielt.

„Bloß kein Konzeptalbum“, hatten Fans gestöhnt, als bekannt wurde, dass Priest an einem Musikepos strickt. Den Stoff liefert Michel de Nostredame, besser bekannt als Nostradamus. Wer mag, kann aus dessen Schriften eine Kette der Katastrophen vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart, etwa zum 11. September, knüpfen. Judas Priest hat Leben und Voraussagen des Propheten auf zwei Silberlingen mit mehr als 100 Minuten Musik verarbeitet.

Den Vorwurf, sie habe sich vom schnörkellos-proletarischen Stil der goldenen Jahre verabschiedet, um in progressiveren Gefilden zu fischen, widerlegt die Band auf der Stadthallenbühne eindrucksvoll. Bombast und genrefremdes Drumherum als tragende Bestandteile des Albums kommen in absolut verträglicher Dosis rüber. Aufwändige Bühnen-Umsetzung? Fehlanzeige. Apokalyptische Texte und kompromisslos-düsterer Sound mit Hymnen-Potenzial freilich treiben den Fans den Schweiß aus den Poren. Die Nostradamus-Songs gehen ab – und durch Mark und Bein, vom ersten Intro über „Prophecy“ bis zu „Death“, bei dem Oberpriester Rob Halford vom (Metal-)Thron aus den Verkünder des Untergangs gibt.

Abgesehen davon bleiben Judas Priest in gut anderthalb Stunden dem Klangkosmos treu, der sie in den 70ern und 80ern zur Speerspitze der „New Wave of British Heavy Metal” gemacht hat. „Metal Gods“ und „Breaking The Law“ stellen die Weichen auf Extase. Dazu spielt die Band Songs, die sie 20 Jahre nicht mehr live gespielt hat.

Die musikalische Zeitreise kulminiert in der Person Rob Halfords, sozusagen vom wasserstoffblonden „Sinner“ zum kahlköpfigen Orakel mit Brille und Bart. Der Shouter, der für sich 38 Bühnenjährchen reklamiert, belässt es bei vereinzelten Schrei-Attacken. Das obligatorische „Oh yeah“ erlebt diesmal die Version „grausames Gejammer“, wofür der vielstimmige Chor nicht minder verantwortlich ist als der Vorsänger. Dafür klingt der Harley-Sound umso schöner – „Hell Bent For Lea ther“...

Das Rezept zum Älterwerden gibt’s ebenfalls nach Noten: „Rock Hard, Ride Free“. Ein „Green Manalishi“ hilft. Und der „Painkiller“. Ansonsten nehmen wir die Priester beim Wort. „You’ve Got Another Thing Comin’“, versprechen sie zum Abschied. Wir warten. Und werden wieder da sein. Älter, aber mit Steel. HOLGER BORCHARD

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