Der israelische Pianist Yaron Herman lässt beim Jazzkonzert im Garten des Liebieghauses aufhorchen

Aufgeräumter Philosoph am Klavier

Frankfurt - An jungen, talentierten Pianisten mangelt es der gegenwärtigen Jazzszene nicht. Da braucht es schon ein gehöriges Talent, um ernstlich aufzufallen. Von Sebastian Hansen

Der in Paris lebende Israeli Yaron Herman hat erstmals mit dem Debüt-Album „Follow the White Rabbit“ über Frankreich hinaus von sich reden gemacht und einschlägig bekannte Festivals bereist.

Der 30-Jährige, zu Gast in der Jazzreihe im Garten des Frankfurter Liebieghauses, hat sich in seinem Personalstil die Musikgeschichte von der Spätromantik her bis zu Keith Jarrett anverwandelt – was ihm immer wieder den Vergleich mit letzterem einträgt. Das ist natürlich hoch gegriffen, beachtlich sind die Hervorbringungen von Yaron Herman aber schon. Sein ausgeprägtes Formbewusstsein führt ihn über einen Eklektizismus im Sinne der Postmoderne der 80er Jahre hinaus.

Mit fahlen Klängen in freitonaler Schwebe eröffnete er das Konzert. Alsbald stiegen seine Begleiter Stéphane Kerecki am Bass und Jeff Boudreaux, Schlagzeug, mit ein und brachten einen beherzt swingenden Groove ins Spiel. Eins greift ins andere über, der Solist steht im Vordergrund: Ein durchaus klassisches Triospiel. Die Begleiter – ohne markanten Unterschied andere als auf dem Album – sind gleichermaßen präsent, wie sie dem kompositorischen Gesamtzusammenhang dienen.

Herman selbst tut das auch, wenngleich in hervorgehobener Position. Ein expressiver Tastenmann ist er nicht, eher ein Philosoph am Klavier. Einer mit jener Sorte Fröhlichkeit, die das Wissen um die Unbilden der Existenz spüren lässt. Grüblerische Momente lösen sich über kurz oder lang in entspannter Leichtigkeit auf.

Der Verfasser einer unter dem Titel „Real Time Composition“ veröffentlichten Theorie der Improvisation führt sowohl das „Libera me“ aus Gabriel Faurés Requiem wie den Grungerockstandard „Heart Shaped Box“ von Nirvana in seinem Repertoire. Letzteres mit der reißerischen Wohlgefälligkeit eines zirzensischen, auf den Getöse-Effekt bauenden Zugriffs. Fauré indes wird nach einem solistischen Beginn mit den Musikerkollegen sanft rhythmisiert.

Intime und zupackende Momente, das geht bei Herman prächtig zusammen. Die in der Tradition des Third Stream stehende Musik, die keinen Unterschied zwischen klassischer Überlieferung und Jazzmoderne macht, ist von ausgewiesen europäischer Art. Und sie ist durch und durch zugänglich. Auch wer sich normalerweise wenig mit Jazz beschäftigt, braucht keine verstörenden Momente zu fürchten. Das geht über eine pianistische und kompositorische Versiertheit hinaus. Bloß ein bisschen arg aufgeräumt wirkt es in der Summe.

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