Außerirdische erfolgreich gelandet

Grace Jones stakst auf schwindelnd hohen Absätzen über die Bühne der Frankfurter Jahrhunderthalle wie der sprichwörtliche Storch im Salat. Sie trägt Netzstrumpfhosen, String-Tanga und schwarze Korsage, auf dem Kopf ein becherartiges Etwas, aus dem eine weiße Feder steil in die Höhe ragt.

Während die Jamaikanerin das Konzert mit „Nightclubbing“ aus dem Jahr 1981 eröffnet, melden sich Bedenken: 19 Jahre war die Frau von der Bildfläche verschwunden. Inzwischen ist sie 60 Jahre alt. Kann sie einfach wieder auftauchen und nahtlos an die glorreichen 80er Jahre anknüpfen? So gelungen das im vergangenen Jahr erschienene Comeback-Album „Hurricane“ auch sein mag.

Nach dem aktuellen „This Is“ und einen paar berühmten Disco-Klassikern ist klar: Diese Frau kann das sehr wohl. Zu „Demolition Man“ steht sie im Laserlicht und donnert mit weit ausholenden Armbewegungen Becken gegeneinander. Weder ihr Körper macht den Eindruck, in den vergangenen zwei Jahrzehnten gealtert zu sein, noch könnte man behaupten, dass die Musik unzeitgemäß wäre. Neue und alte Songs wirken wie aus einem Guss.

Als sie im Frack mit weißem Zylinder „La Vie En Rose“ präsentiert, gibt es im Saal kein Halten mehr. Das Publikum steht in den Sitzreihen, vor der Bühne bildet sich eine Menschentraube. Für einige Minuten mischt sich die Sängerin unters Volk. Später holt sie zu „Pull Up To The Bumper“ zwei Dutzend Freiwillige zum Tanzen auf die Bühne. Bei ihren Ansagen gibt sich die Jones vollends unprätentiös. Im Plauderton spricht sie zum Publikum, wenn sie sich zum Kostümwechsel zurückzieht. Die Kopfbedeckungen, die sie zur Schau trägt, sind in ihrem Pomp und Einfallsreichtum kaum zu übertreffen. Manche erinnern an fernöstliche Tempelanlagen, andere an Muscheln oder Christbaumschmuck, eine leuchtet wie eine Discokugel.

Die Bässe hämmern schwer. Schlagzeug, Keyboards und Gitarren bäumen sich mächtig auf. Phasenweise ist die Lautstärke kaum erträglich. Doch die druckvolle Stimme setzt sich durch. Eine Hebebühne, ein kleines Podest mit einer Table dance-Stange und eine Windmaschine reichen für die astreine Bühnenshow der auferstandenen Pop-Ikone.

Am Ende steht sie lächelnd da, einen Strauß roter Rosen im Arm. Erstmals sind ihre Augen zu erkennen. „Ich will euch sehen“, sagt sie, prompt geht das Saallicht an. „Ich liebe euch“, ruft die Sängerin, bevor sie hinter den Kulissen verschwindet. Dort wartet vermutlich ihr erwachsener Sohn, der mit der Band Trybez im Vorprogramm aufgetreten war, auf die Frau, die mancher bislang für ein Wesen vom anderen Stern gehalten hatte. ANKE STEINFADT

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