Autonomie in der Paarbeziehung

Das Konzert begann mit einer Art von Selbstzitat. Lou Reed trieb seine Gitarre in die wohlige Herrlichkeit eines brachialen Crescendos. Von Stefan Michalzik

Das Credcendo, das lebhaft an die sich über vier LP-Seiten erstreckenden Tremolo- und Verzerrerorgien seines als Schlag ins Gesicht einer raffgierigen, die künstlerische Ambition nicht achtenden Plattenfirma gemeinten, später legendär gewordenen Albums „Metal Machine Music“ von 1975 erinnerte.

Da hatte er also erst mal mächtig gebrüllt, der alte Löwe, der Überlebende eines selbstzerstörerischen, in den Sechziger Jahren aus der Factory von Andy Warhol heraus begründeten Lebensstils mit Drogen und allem Drum und Dran.

Im Verlauf dieses Abends in der ausverkauften Frankfurter Jahrhunderthalle, dem einzigen Termin der ersten gemeinsamen Konzertreise des langjährigen Liebes- und neuerlich Ehepaars Laurie Anderson und Lou Reed in Deutschland, sollte sich das einstige „Rock’n’Roll Animal“ (Albumtitel) indes als handzahmer musikalischer Schmusekater zeigen.

Sie, Kellnerin in einer Cocktailbar, er spielt im Fassbinder-Film

Der nächste Programmpunkt ging auf Anderson zurück. Auf Deutsch gab die in den Achtziger Jahren zu Ruhm gelangte Pionierin der Multimedia-Performance ihre alte, von der Geschichtsphilosophie Walter Benjamins angeregte Version von Hänsel und Gretel als Paar in Berlin; sie ist Kellnerin in einer Cocktailbar, er spielt in einem Fassbinderfilm.

Es ging weiter so, im steten Wechsel: Anderson erzählt, mit und ohne Vocoder, ihre Geschichten, unterlegt mit sämigen Synthie-Flächen frei nach Klaus Schulze. Reed sagt mit moderat schroffer Gitarre gelegentlich kurz guten Tag. Umgekehrt singt Reed seine Songs, die immer erzählerisch sind, und Anderson spielt ihre elektronische Violine dazu oder gibt die Chorsängerin.

Eine Nummer gleitet in die andere über. Alles ist sehr unspektakulär arrangiert. Zwischen dem Paar ist Sarth Calhoun platziert. Er steuert immer mal ein paar Housebeats oder ein Basswummern vom Laptop bei.

Schon allein die schnell durchschaubare Wechseldramaturgie legt einen soliden Grundstein zur gepflegten Langeweile. So spielt letztlich doch jeder für sich. Sogar im Duett noch: Als Sängerin, oder jedenfalls so etwas ähnliches, entzaubert Laurie Anderson Reeds ursprünglich wunderschön melancholischen Velvet-Underground-Klassiker „Pale Blue Eyes“. Wie der Urheber dann übernimmt, wirkt er einfach nur nüchtern.

Therapeutischer Berater

Einen therapeutischen Berater zwecks Erlangung von Autonomie in der Paarbeziehung benötigen Laurie Anderson und Lou Reed jedenfalls nicht. Glückwunsch. Der Festlegungsgrad des recht wahllos mit „The Yellow Pony and Other Songs and Stories“ überschriebenen, vermeintlich improvisierten Sammelsuriums erscheint hoch.

Wir erinnern uns: „Ein Akkord ist prächtig. Zwei treiben die Sache voran. Mit dem dritten ist man schon im Jazz angekommen.“ Dergestalt hat Reed, Urvater des Garagensounds und Ahnherr des Punks, seine Philosophie umrissen.

Die Konstellation des Abends lautete Laurie Anderson mit Lou Reed – und nicht umgekehrt. Geschichten zu erzählen ist ja eine schöne Sache, grundsätzlich betrachtet. Triftige Musik ist indes praktisch erst in der Zugabe wieder zu hören gewesen.

Laurie Anderson hatte schon vorher mit „The Loss Art of Conversation“, einem der wenigen echten Songs von ihrer Seite, nach desaströs viel Leerlauf endlich aufhorchen lassen. Dann legte Lou Reed „I’ll Be Your Mirror“, den zweiten Velvet-Underground-Klassiker hin, mit einer wunderbar altersbrüchigen Stimme, die ein wenig an den alten Johnny Cash erinnerte. Das Gemeinsame aber ergab an diesem Abend entschieden weniger als die Summe beider Teile.

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