Avicii in der Festhalle

Unterwegs zum Dezibel-Rekord

Frankfurt - Avicii ist der Mann der Stunde. Sein aktueller Hit „Hey Brother“ läuft im Radio auf Heavy Rotation. Der schwedische DJ und Produzent war jetzt zu Gast in der ausverkauften Frankfurter Festhalle. Von Peter Müller

Wenn das mal kein neuer Dezibel-Weltrekord für die Ewigkeit war. Tim Bergling, Schwedens genialster Exportschlager nach dem unkaputtbaren Bücherregal „Billy“, powert in Frankfurt 14.000 restlos begeisterte Raver in die Elektro-Ekstase. Zudem sorgt er selbst bei erfahrensten Security-Haudegen für ängstliche Blicke auf die hektisch vibrierenden Wände und Holztüren der ehrwürdigen Festhalle. Die beruhigende Nachricht: Bis auf ein paar in die glücklichste Ohnmacht gefallene Fans sind keine ernsten Kollateralschäden überliefert. Trotz Laser-Einsatz, Feuerfontänen, Nebelbäumen und zornigem Lichtgewitter.

Wer nun doch noch über den Namen Tim Bergling stolpert, dem hilft vielleicht das Künstlerkürzel Avicii. Unter diesem Pseudonym entert ein gerade mal 24-jähriges Wunderbürschchen aus Stockholm seit 2011 die globale Club-Gemeinde - als der zurzeit wohl angesagteste DJ und Remixer. Ob in Miami, Ibiza oder New York, in Melbourne, Paris oder Antwerpen - Avicii ist überall „on fire“. Der David Guetta aus Ikealand hat sich quasi aus dem Stand in die Elite der House-Musikanten und auf die Liste der bestverdienenden DJs katapultiert.

2013 an die Chart-Spitze

Das scheint umso bemerkenswerter, weil der schmächtige junge Mann nicht wie üblich erst mal fleißig Vinyl aufgelegt und dann mit dem Produzieren eigener Tracks begonnen hat, sondern umgekehrt: Als Kind der digitalen Revolution frickelte er anno 2008 aus dem Soundtrack des Videospiels „Lazy Jones“ mal eben am Computer seinen ersten Song, der sich via Internet in Windeseile verbreitete. Mit dem omnipräsenten Mega-Hit „Wake Me Up“, dem Soulsänger Aloe Blacc die Stimme lieh, eroberte er 2013 die Chart-Spitze - in über 70 Ländern!

Nach der zweiten Vorab-Single „You Make Me“ folgte dann endlich sein Debüt-Album „True“, mit dem er nun in Frankfurt einen zweistündigen Monster-Rave anzettelt, der selbst Paul Kalkbrenners letzten Festhallen-Burner vergessen macht. Am Ende, es geht schon gegen Mitternacht, fühlt man sich zwar ein wenig teigig in Kopf/Körper und fast wie ein weichgeklopftes Schnitzel vor dem Gang in die Panierstraße - aber, neben dem obligatorischen Tinnitus und einem mittelschweren mentalen Muskelkater hat sich auch ein diffuses Wohlgefühl eingestellt.

Brutal gute Mucke

Denn das, was Avicii da auf seiner DJ-Kanzel entfacht, ist nicht nur infernalisch laut, sondern auch brutal gute Mucke. Man kann diesen ersten Avicii-Gig in Germany (ab August sind noch vier Open-Airs angekündigt) tatsächlich als multimediales Gesamtkunstwerk mit hypnotisierender Tiefenwirkung bezeichnen.

Seine Interpretation des House-Sounds, der sich in Nummern wie „Hey Brother“, dem Armin-van-Buuren-Cover „This Is What It Feels Like“, dem Clash-Cover „London Calling“ oder im guten alten „Levels“ manifestiert, hat die Puristen-Szene zunächst verschreckt, dann hoffnungslos infiziert. Avicii mixt, was kaum zu mixen ist: Krawallige Synthie-Beats mit unglaublich fetten Bässen treffen da auf Pop, Soul- oder Folkeinflüsse und die mal mehr, mal weniger durch den Vocoder gedrehten Stimmen von Aloe Blacc und Co. tun ein Übriges. Das funktioniert zuweilen großartig.

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In „Addicted To You“ etwa, wo Singer/Songwriterin Audra Mae mit angenehm reduzierten Strandparty-Swing den dauerhämmernden Tanz-Rhythmus immer wieder bricht, klingt das Ganze nach Neo-Eurodance, in zweifelsfrei veredelter Form. Wenn die gleiche Dame im hektisch elektrisch groovenden „Shame On Me“ vorbeischaut, erkennt man sie hinter den exzessiv eingesetzten Stimmverzerrern kaum noch.

 Da grüßt dann eher Daft Punk, will sagen: für diesen Roboter-Sound braucht es starke Nerven. Die scheinen alle Avicii-Fans en masse zu haben, denn die kollektive Euphorie ebbt trotz der fast zwangsläufigen Grund-Redundanz des Beat-Geballers nicht ab. Im Gegenteil. Gut, der ein oder andere Hörgeräte-Akustiker könnte vermehrt Zulauf haben - aber was macht das schon bei einem derart epischen audiovisuellen Spektakel?

See us there! in der Offenbacher Suppenschüssel

Rubriklistenbild: © dpa

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