Bach-Lesart mal forsch, mal trocken

Geisenheim/Oestrich-Winkel - Am Anfang standen die „Goldberg-Variationen“. Von Axel Zibulski

Konstantin Lifschitz hat 1995 mit einer Aufnahme dieses vierten Teils von Johann Sebastian Bachs „Clavier-Übung“ seine Karriere eröffnet – ebenso, acht Jahre später, der in Frankfurt ausgebildete Martin Stadtfeld, der nun im Kloster Eberbach jene „Aria mit verschiedenen Veränderungen“ aufführte, deren Einspielungen beiden den Ruf unorthodoxer Bach-Interpreten einbrachten.

Knapp 70 Minuten benötigte Stadtfeld für die 30 Variationen. Das allein ist nicht außergewöhnlich, doch spreizte er die Tempo-Relationen extrem weit auf. Dem Stillstand näherte sich das Adagio der 25. Variation an, sportiver Atemlosigkeit hingegen manche der forsch zu spielenden Variationen. Allein in ihnen ließ Stadtfeld vereinzelt Wiederholungen aus, die in seiner Sicht auf Bach weiteren Variierungen gleichkommen: Da kann plötzlich eine Basslinie verträumt in den Diskant rutschen, klingt die Einbindung von Verzierungen ins Artifizielle gesteigert, weitet Stadtfeld die klanglichen Möglichkeiten des Konzertflügels aus, zum Beispiel mit kräftigen Pedaleinsätzen. Das alles mag subjektiv oder sogar eigenwillig sein – langweilig klingt Stadtfelds Bach-Spiel nie.

Vom letzten zum ersten Teil der „Clavier-Übung“ führte tags darauf Konstantin Lifschitz mit seinem Klavierabend in Schloss Johannisberg. Im Fürst-von-Metternich-Saal setzte der russische Pianist seinen Rheingauer Bach-Zyklus mit den Partiten Nr. 4, 5 und 6 (BWV 828-830) im siebten Jahr fort. Trockener, sezierender, strenger klangen seine Interpretationen im Vergleich – wovon sich auch der hier ins Publikum gerückte Martin Stadtfeld überzeugen konnte. So bot Lifschitz in den „Arien“ der vierten und sechsten Partita kaum pianistische Gesanglichkeit, dafür aber eine soghafte Stringenz in den je finalen Gigue-Sätzen. Wo Bach leichter, milder klingen darf, vor allem in der fünften Partita, blieb Lifschitz dies letztlich schuldig – wie bei ihm überhaupt das Verspielte einem in den besten Momenten zwingenden Ernst gewichen war.

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