Bach am Puls der Zeit

Frankfurt - Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium hat in diesen Tagen Konjunktur. Von Klaus Ackermann

Auch bei den Frankfurter Bachkonzerten, die Thomas Hengelbrock, Pionier der historischen Klangforschung, und die von ihm gegründeten Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble verpflichtet hatten, Garanten für eine ungemein lebendige Wiedergabe in der Frankfurter Alten Oper. Musiziert und gesungen wurde am Puls der Zeit und auf hohem Niveau – selbst die Solo-Partien waren bis auf den Evangelisten von Chorsängern besetzt.

Bach a la carte: Von den sechs Kantaten hat Hengelbrock die Nummern 1 sowie 4 bis 6 ausgewählt. Reizvoll ist diese Abfolge – Verkündigung der Geburt Jesu, Namensgebung, Flucht nach Ägypten und Fest der Erscheinung Christi – allein schon wegen ihrer zwingenden Dramaturgie und der stimmlichen Verschränkung von Bibelwort, gläubigem Kommentar und bekräftigendem Choral, was Spannung schafft, die Hengelbrock, am Pult ein starker Motivator, auf den Punkt bringt. Der drückt schon beim „Jauchzet, frohlocket“ aufs Tempo, was eingangs noch ein auffallend eckiges Chor-Staccato bewirkt, das schon fugiertes Gotteslob vergessen macht, bei dem der stimmlich fein austarierte Chor zu glühen scheint – mit Leidenschaft in den auch rhythmisch forcierten Koloraturen. Und bei den Chorälen im natürlichen Gesangsfluss.

Zudem bewegen sich die Sänger auf sicherem und ausgesprochen elastischem Grund eines All-Star-Ensembles auf Original-Instrumenten, bei dem die perfekten Naturtrompeten, die vielbeschäftigte Oboe und virtuos figurierende sowie empfindsam artikulierende Violinen für sich einnehmen. Ein Szenario, das auch in scharfen Tempi nie aus der Fasson gerät und gläubige Seelen in Verzückung versetzt. Angenehm, dass deren Arien völlig ohne opernmäßigen Druck, ja sogar schon fast ohne Vibrato auskommen wie bei Altistin Nicole Pieper oder dem Bassisten Manfred Bittner.

Im Ohr ist noch Stefan Geyers Bass-Rezitativ „Mein Jesus heißt mein Leben“, mit den engelsgleichen Frauenstimmen per Choral eng verwoben. Oder Katja Stubers Sopran-Arie mit Echo von der Empore. Nicht zu vergessen: Anne Bierwirths expressiver Alt, die Ruhe selbst in einer erregenden Szene um die Weisen aus dem Morgenland. Und vor allem Tenor Tilman Lichdi, als Evangelist ein spannender biblischer Berichterstatter, in seinen Arien-Kommentaren dagegen stimmlich blässer. Ein großer Spannungsbogen vom Choral „Wie soll ich Dich empfangen“ bis hin zum finalen „Nun seid ihr wohl gerochen“. Melodisch ist da „O Haupt voll Blut und Wunden“ ganz nahe – und Ostern nicht mehr fern.

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