Schlosskonzert im Amphitheater

Bachs Kunst und Mozarts Klang-Idyllen

Eigentlich hatte schon die Zeit des stile nuovo, der akkordisch begleiteten Melodie, Einzug gehalten, als es Bach wenige Jahre vor seinem Tod 1747 nochmals in den Fingern gejuckt haben muss und er – ganz im Sinne des stile antico – die kunstvollen Möglichkeiten der Fugenform nach strengen kontrapunktischen Regeln in seinem letzten Opus subsumierte, das unter dem Titel „Die Kunst der Fuge“ die Polyphonie bis ins Detail ausreizt. Angaben zur instrumentalen Besetzung hat Bach nicht mehr hinterlassen, weshalb diese einerseits variabel bleibt, andererseits oft über den theoretisch-didaktischen Nutzen spekuliert wurde.

Einen Auszug aus dem Zyklus mit 14 Fugen und vier Kanons, die Grundfuge und den Kontrapunktus Nr. 4, präsentierte das Collegium Instrumentale Alois Kottmann bei der Matinee des Philippsruher Schlosskonzerts, die im gut besuchten Hanauer Amphitheater stattfand. Viel Ruhe legte das Streichorchester in die Darbietung und erschloss mit feiner Transparenz das Thema, dessen Intervallfolge im 4. Kontrapunkt umgekehrt wird, und die daraus sich entwickelnden Gegenstimmen.

Mozarts ungewöhnlich besetztes Doppelkonzert für Harfe, Flöte und Orchester stand weiterhin auf dem Programm. Ein Auftragswerk, 1778 in Paris für den Flöte spielenden Herzog de Guines und seine Tochter entstanden. Ursula Holliger (Harfe) und Peter Lukas Graf (Flöte) bildeten ein präzise aufeinander eingespieltes Duo. Geschickt hat Mozart das Konzert so instrumentiert, dass das Orchester nie die Harfenstimme überdeckt. So wurde auch die Aufführung der Kottmannschen Streicher und der Solo-Bläser Rhein-Main zu einem ausgewogenen Hörerlebnis: Der dezente Orchesterklang, vor allem im zweiten Satz sehr homogen, ließ dem Duo Raum für idyllische Atmosphäre, die Graf mit rundem, leichtem Ton und Holliger mit perlenden Arpeggien und Trillern erschufen und die im munteren Rondo nicht an Grazie verlor.

Der zweite Teil des Konzerts galt abermals Mozart. Die A-Dur-Sinfonie KV 201, 1774 in der Salzburger Zeit entstanden, versprüht Eleganz und Subtilität gleichermaßen. Ungewöhnlich für diese Zeit ist der verhaltene, leise Beginn, wenngleich die Sinfonie sonst dem klassischen dualistischen Prinzip und der zyklischen Verknüpfung verpflichtet bleibt.

Das Collegium Instrumentale agierte dynamisch flexibel, auch die Hörner und Oboen überzeugten mit klarer Tonsprache. Allerdings wurde entgegen der Anweisung das Andante ohne Sordino, also ohne Dämpfung der Violinen und Bratschen gespielt. Gerade diese aber verleiht dem Satz eine matte Färbung und erzeugt einen Überraschungseffekt, wenn sie am Ende aufgehoben wird.

Für den lyrischen Genuss dieser musikalischen Matinee sorgte die populäre Schauspielerin Rosemarie Fendel. Sie habe aus verschiedenen Gedichten ein Krisen-Potpourri zusammengestellt, wobei die Crisis in ihrer eigentlichen Bedeutung als Wendepunkt definiert sei. Verse und Betrachtungen von Goethe, Gottfried Benn, Christine Nöstlinger und Mascha Kaléko über das Leben deklamierte Fendel zu den untermalenden Klängen des Gitarristen Stephan Werner und erhielt für ihren intensiven Vortrag sehr viel Beifall.

ESTHER GEORGE

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