Als wär’s ein Kinderspiel

Offenbach - Zur 39. Auflage gastierten die Hessisch-Thüringischen Bachtage erstmals in Offenbach. Beim Cembalo-Konzert in St. Marien bot Walcha-Schüler Christoph Bergner anspruchsvolle Kompositionen Johann Sebastian Bachs, mit denen dieser seinen Ruf als herausragender Tastenvirtuose seiner Zeit untermauerte. Von Reinhold Gries

Da wirkte die Überschreibung des „Italienischen Konzerts“ und der „Französischen Ouvertüre“ als „Zweyter Theil der Clavier Übung“ (1735) wie eine glatte Untertreibung.

Schon beim ersten Werk in F-Dur, auch an Vivaldis Instrumentalkonzerte anknüpfend, zog Bergner alle Register seines Könnens, um Bachs große Orchesterform aufs zweimanualige Cembalo zu übertragen. Von Beginn an überragten feine bis kraftvolle Klangstufungen zwischen Tutti- und Solothemen, gerahmt von strahlkräftigen Ecksätzen, selbst in überbordenden Verzierungen gebündelt, durch fein balancierendes Spieltemperament. Das beseelte Andante der zweiteiligen Aria in der Mitte wirkte wie ein Vorgriff auf frühklassische Klaviersonaten. Dabei brachte Bergner in biegsamen Linien elegante Nuancen ins Spiel, hielt bei kraftvollen Kadenzen jederzeit die Spannung hoch. Die Synthese zwischen italienischem Wohllaut, scharf geprägten Konturen, flinken Tonleitern und kristallklaren Akkordfolgen geriet ideal.

Eine reife Leistung

Eine reife Leistung bot Bergner auch in der vielgestaltigen französischen Partita, bei der Bach sich von französischen Suiten inspirieren ließ. Wie in einem noblen Perpetuum mobile reihte Bergner Ideen und Strukturen der Courante, Gavotte, Sarabande, Bourrée und Gigue aneinander, als wär’s ein Kinderspiel. Allein vom Hin- und Herblättern der Partitur konnte es dem Auditorium schon schwindelig werden. Wie Bergner zwischen der mächtigen Allegro-Fuge, charmanten Echospielen und Wechseln zwischen Piano- und Forte-Manual wandelte, machte andächtig. Äußere Form entsprach innerer Bewegung. Da musste man an Beethovens „Non plus ultra“ denken: „Nicht Bach, Meer sollte er heißen“.

Das Ausmaß des Genies legte Bergner auch im „stylus fantasticus“ des jungen Bach frei, in gleichermaßen frei improvisierenden wie streng fugierenden und dramatisch bis extravagant ausladenden Gesten der Weimarer Toccaten g-Moll und D-Dur (1709-1714). Rasant, in dichtestem Spielwerk ließ er Sechzehntelläufe aus der Höhe in die Tiefe stürzen, baute gegenläufige Spannungsbögen auf, denen man kaum folgen, aber sich hingeben konnte. Wie einfühlsam Bergner Adagio-Kantilenen mit heiter fugiertem Allegro unterbrach, um dann die 110 Takte lange Schlussfuge zu stampfendem Finale zu führen, machte staunen. Die dreisätzige D-Dur-Toccata verwandelte der Bensheimer Meistercembalist zuerst in ein elegantes Spielstück, dann in eine beseelt lyrische Kanzone und am Ende in ein sprudelndes Kehraus. Ein Spielzauber, der mehr Zuhörer verdient gehabt hätte.

Rubriklistenbild: © Pixelio.de/Gabi-Schoenemann

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