Trümpfe ausgespielt

Frankfurt - War das eine mitreißende Bachiana, die Gastdirigent Reinhard Goebel mit dem hr-Sinfonieorchester im Sendesaal darbot! Dazu kamen im Barock-plus-Konzert „Bach&Söhne“ herrliche Farben und hinreißende Instrumentationseffekte. Von Reinhold Gries

Raritäten waren angesagt wie Johann Sebastian Bachs Sinfonia von 1710/1747 zu einer verschollenen Kantate. In großer Besetzung samt Paukenwirbel, Trompetenfanfaren und Hörnerklang wirkte sie wie eine Festouvertüre. In der Reihenfolge der Geburt stellte Goebel dann vier Söhne des Altmeisters vor, bei denen man sich mehrfach fragte, wer eigentlich der „große Bach“ gewesen sei. Aus Wilhelm Friedemann Bachs Sinfonia D-Dur von 1740 hörte man seine Begabung heraus: Frühklassisches wechselte mit galanten Flötenläufen, majestätischen Waldhornklängen, dichter thematischer Arbeit und einem wirbelnden Schnellmenuett.

Das Concerto a-Moll für Violoncello, Streicher und Basso continuo (1750) des Zweitgeborenen Carl Philipp Emanuel Bach ließ trotz reduzierter Streicherbesetzung erkennen, warum dieser zu Lebzeiten als der „große Bach“ galt. Dazu spielte Goebel mit Cello-Solist Jens Peter Maintz einen Trumpf aus, dem das Kammerorchester blendend folgte. Wie Maintz auf seiner Ruggieri diffizilste Kontrapunktik mit freien Fantasien und eleganten Kantilenen verband, beklatschte der vollbesetzte Saal so ausdauernd, dass Maintz eine fantastische Zugabe anfügte: Johann Sebastian Bachs Courante aus dessen Köthener Cello-Suite.

Das Konzert wird am 24. Januar ab 20.05 Uhr auf hr2 gesendet.

Der nächste Trumpf stach ebenfalls. In Christoph Friedrich Bachs „Pygmalion“-Kantate von 1772 glänzte Bass-Bariton Raimund Nolte. Für viele unsingbar, baute er zwischen dem Allegro „Ihr Götter, welche Phantaseyn!“, dem Andante „Ach, daß mein irdisch Ohr nicht fähig ist“ und dem Allegretto „Bald sollen diese Lippen“ Spannung ins 250-taktige (!) Rezitativ. Und demonstrierte mit empfindsam untermalenden Streichern die hohe Kunst des Melodrams so bildhaft, dass es der Venus-Figur auf der Bühne kaum bedurft hätte.

Nach dem „Bückeburger“ kam der zu Lebzeiten gefeierte „Londoner Bach“ Johann Christian an die Reihe, aus dessen letzter Oper „Amadis de Gaule“, 1779 uraufgeführt, Goebel die festliche Ouvertüre mit ausgewählten Tanzsätzen zum Gesamtkunstwerk verschmolz. Im abwechslungsreichem „Mouvement“, in wiegender Gavotte oder inniger Air wie im schmissigem „Tamburin“ zeigte das hr-Orchester, warum es zu den besten zählt. Goebel war so beeindruckt, dass er sich zur Zugabe zwischen die Musiker setzte. Zum Genießen.

Rubriklistenbild: © Archiv/Wronski

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