Barocke Perlen aus Europas Zentren

Eine Sternstunde barocken Musizierens konnte man beim dritten Bachkonzert erleben. Das Gastspiel von Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble unter ihrem Gründer Thomas Hengelbrock verknüpfte Perlen aus vier europäischen Musikzentren. Von Eva Schumann

Frankreich war vertreten durch André Campra, den heute weniger bekannten, 15 Jahre älteren Zeitgenossen Bachs. Der teils französisch, teils italienisch geprägte Komponist aus der Provence wirkte in kirchlichen und höfischen Diensten und war berühmt für seine „Opéra-ballets“ und „Tragédies lyriques“. Seine Grand Motet über den 75. Psalm „Notus in Judea Deus“ verleugnet nicht den Musikdramatiker. Sie ist in Chöre und Soli gegliedert und reich an Affekten. Zwei Flöten sorgen für den französischen Farbtupfer.

Hengelbrock und seine Ensembles musizierten mitreißend. Klangschönheit des Chors war verbunden mit spannungsvoller Dynamik und drastischem Nachdruck auf den textausdeutenden Stellen. Buchstäblich atemberaubend war der Kontrast zwischen „tremuit“ und „quievit“, dem Zittern und Stillwerden des Erdreichs, getrennt durch eine dramatische Pause. Expressiv gestalteten auch die Solisten, präzise das Orchester.

Zwar nicht für den englischen Hof, aber für die prunkvolle Residenz des Herzogs von Chandos komponierte Händel die 12 Chandos-Anthems, Vertonungen von Hymnen des anglikanischen „Book of Common Prayer“ in Kantatenform. Im klangprächtigen elften Anthem „Let God arise“ zeigten sich Flexibilität und Stilsicherheit des Chors in der unmittelbaren Änderung der Klangfarbe. Die Sätze waren aufs Feinste durchgestaltet. Polyphonie klang nie nach trockener Fugentechnik, sondern natürlich von Stimme zu Stimme fließend. Ein gewaltiger Höhepunkt war die Schlussfuge „Blessed be God“. Die Artikulation des englischen Texts war ebenso deutlich wie bei den lateinischen Texten, jeweils stilgemäß in französischer, italienischer oder deutscher Aussprache.

Als Beispiel italienischen Stils diente Vivaldis Magnificat in der Version RV 610 a, in der getrennte Chöre verlangt werden. Hengelbrock ließ sein polyphon geschultes Ensemble als Einheit auftreten. Expressivität und Dramatik des in g-Moll und mit viel Chromatik gestalteten Werks berührten.

Auch Bachs Lutherische F-Dur-Messe BWV 233 ist außergewöhnlich. Ins Kyrie baut der Protestant den Cantus firmus von „Christe, du Lamm Gottes“ ein, das er dem Horn und Holzbläsern überträgt. Bei den koloraturenreichen und polyphonen Sätzen blieb stets Transparenz gewahrt, auch wenn Hengelbrock die Seinen zu rasanten Tempi antrieb. Eindrucksvoll waren sowohl die Soli von Bass, Sopran und Countertenor, als auch die virtuosen Instrumentalritornelle und das Violinsolo von Konzertmeisterin Rachel Harris. Das innig gesungene A-cappella-Abendlied von Rheinberger „Bleib bei uns“ erwies die Kompetenz des Balthasar-Neumann-Chors auch für die Romantik.

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