Berliner Philharmoniker

Beethoven ist Berliner

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Unendliche Geschichte: Auch Simon Rattle hält die Berliner Philharmoniker auf bewährtem Beethoven-Kurs.

Frankfurt - Sie kamen, spielten und ernteten Begeisterungsstürme. Die Berliner Philharmoniker besannen sich beim ausverkauften Konzert in der Frankfurter Alten Oper auf ihre Kernkompetenz, seit Urzeiten die Sinfonien des Ludwig van Beethoven. Von Klaus Ackermann

Und gemessen an der klanglichen Intensität der Siebten, die Chefdirigent Sir Simon Rattle gestisch beschwörend einforderte, muss der in Bonn geborene Klassiker ein Berliner sein. Zweiter Paukenschlag war Jörg Widmanns „Flute en Suite“, von Querflötist Emmanuel Pahud virtuos aufgeladene Suite mit barocken Anleihen.

Das Zertrümmern und Zusammenfügen früher Tanzformen entbehrt bei Widmann nicht einer gewissen Systematik. Denn die Soloflöte fordert einzelne Orchester-Sektionen zu mehr oder minder munteren Tänzchen auf. Allen voran die Flötengruppe der Philharmoniker, Pahuds bizarren Soli auf der Spur, dessen angelegentlich schrille Pfiffe den Gehörgang malträtieren. Wie klangliche Intarsien wirken die an Johann Sebastian Bach gemahnenden Suiten-Formeln in der vom Fagott beherrschten Sarabande oder den harmonisch entlegenen Blechbläser-Chorälen – auch in bekömmlicher Schräge.

Haydn scheint seiner Zeit weit voraus gewesen zu sein

Apart die Harfen-Pizzicato-Streicher-Mixtur mit der wie irrlichternden Soloflöte, die zu einer milden, von exotischem Schlagwerk garnierten Barcarole bittet, keineswegs ein Fremdkörper innerhalb der Tanz-Charaktere. Seine einsame Meisterschaft zeigt Pahud, Solo-Flötist der Berliner, in einer Kadenz, deren Spreizungen einem an die Nieren gehen, bis Widmann seinen augenzwinkernd parodistischen Neigungen wieder einmal erfolgreich nachgeht. Hier die Badinerie aus der 2. Orchestersuite von Bach, flott abgespult, mit aberwitzigen Wendungen und alle Orchestersektionen beschäftigend.

Für Rattle und die Berliner Philharmoniker eine pure Lustbarkeit. Wie die vorangegangene Sinfonie Nr. 95 c-Moll aus Joseph Haydns Londoner Zeit, ein Werk mit Weitblick, dessen hintergründiges Dunkel der Brite ebenso erhellt, wie er die populären Themen in Musizierfreude ummünzt. Scheint doch Haydn in den harmonischen Wendungen eines variierten Andante-Lieds seiner Zeit weit voraus, der das Trio des geruhsamen Ländlers dem fabelhaften Berliner Cello-Vorspieler Martin Löhr überlässt und das pfeffrige Finale gnadenlos fugiert durchzieht.

Zuhörer wird förmlich in den Konzert-Sessel gepresst

Das hat hohen sinfonischen Erlebniswert, der sich bei Beethovens „Apotheose des Tanzes“ (Richard Wagner) noch steigern sollte. Große Oper schon in der expressiven Sostenuto-Einleitung, der ein bei Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern rhythmisch enervierendes Vivace folgt, mit schroffen dynamischen Kontrasten, eleganter Artikulation – und dennoch aus einem Guss.

Wie der britische Chefdirigent die gestalterischen Stellschrauben justiert, im feinfühligen Allegretto-Lied immer für neue Ansichten sorgend. Wie er final die Schlagzahl noch einmal erhöht, mittendrin ein butterweiches Holzbläser-Legato, gleichsam zum Atemholen vor den furiosem Schlusseffekt, das presst den Zuhörer förmlich in den Konzert-Sessel. Beethoven und die Berliner – diese unendliche Geschichte erhält immer wieder neue Kapitel.

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