Befindlichkeiten in sinfonischem Klang

Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt schlug beim Konzert des hr-Sinfonieorchesters das Pendel klanglicher Befindlichkeiten aus. War Bariton Matthias Goerne in Schostakowitschs Suite nach Gedichten von Michelangelo Buonarroti tief in dunkle seelische Bezirke eingedrungen, so zündete Dirigent Gianandrea Noseda mit Beethovens 7. Sinfonie vorlagegemäß ein Feuerwerk der Lebensfreude, die hohe Leistungsbereitschaft der hr-Sinfoniker energisch einfordernd. Von Klaus Ackermann

Die in seinem Todesjahr 1975 entstandene Suite auf Gedichte des berühmten Malers, Bildhauers und Erfinders spiegelt einen zutiefst depressiven Komponisten, der in diesem Werk keine Rücksicht mehr nimmt auf die ihn gängelnden und sogar sein Leben bedrohenden sowjetischen Machthaber. Es sind Lieder eines Liebenden, eines kreativen Menschen in feindseliger Umwelt, der Macht und Tod gedanklich durchdringt. Musikalisch gibt es keine Melodie, die haften könnte, eher Stimmungen, die deklamatorisch beschworen werden.

Matthias Goernes ausdrucksstarker Bariton scheint prädestiniert für diesen düsteren Psychotrip, wie ein Analytiker die existenziellen Erfahrungen gedanklich festmachend und dabei atemlose Spannung erzeugend. Unterstützt von einem üppig besetzten hr-Orchester, das in Vor- und Zwischenspielen den sinfonischen Charakter dieser Suite untermauert. So zwischen reinem Streicherakkord-Samt, sarkastisch anmutenden, Xylophon-Passagen und machtvollen Hammerschlägen, wenn „grober Fels sich in ein Menschenbild verwandelt“.

Eine Trompetenfanfare rahmt diese Gedanken-Lyrik zwischen Liebe und Tod, die Goernes nuancierter Gesang vortrefflich auf den Punkt bringt. So intensiv, dass man sich vor aufkommender Depression hüten muss. Die verdrängt freilich Beethovens 7. Sinfonie A-Dur schon im Geschwindmarsch des Vivace mit seiner Herz-hüpfenden Fröhlichkeit. Dabei scheint der dramatische Kontraste temperamentvoll fordernde Dirigent bei seinem Alte-Oper-Debüt Karajans eh schon straffe Tempi noch anzuspitzen.

Das beschert ein wundersam gesangliches Allegretto, immer wieder variiert und melodisch fein abgezirkelt. Dann ein Presto, das wie ein orchestrales Nachlaufspiel wirkt, gelegentlich an blecherne Grenzen stößt, aber mit breit ausgelegter Blechbläser-Harmonie versöhnt. Während der Finalsatz Richard Wagners „Apotheose des Tanzes“ rechtfertigt und Bravo-Rufer mobilisiert. Am Ende werden Beethoven, der italienische Dirigent und die hr-Sinfoniker wie Pop-Stars gefeiert.

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