Befürchtungen erfüllt

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Flammendes Inferno und Flächenbrände aller Art prägten das Frankfurter Konzert von Rammstein.

Die Meister des Tabubruchs zurück auf der Bühne: Feuerspeiend, finster und diabolisch wie eh und je – und mit mehr Anziehungskraft denn je. „Ramm – Stein“ skandieren 12.000 Kehlen in der ausverkauften Festhalle, als die Band sich zu den Takten des „Rammlieds“ durch eine Wand auf die Bühne sägt, hämmert und flext. Von Holger Borchard

Stampfendes Intro, „Bückstabü“ und „Waidmanns Heil“ mit Fanfarenklang: Ein flotter Dreier vom neuen Album „Liebe ist für alle da“ eröffnet die Show, gekrönt von der ersten gewaltigen Flammenfront des Abends.

Was Feuer und Flächenbrände aller Art angeht, spielen Frontmann und Pyromane Till Lindemann & Co. in ihrer eigenen Liga. Vier Jahre haben Rammstein die Fans nach einer weiteren Dosis jenseits der Schmerzgrenze darben lassen, um alle Erwartungen beziehungsweise Befürchtungen zu erfüllen. Sadomaso-Sex, Inzest, Gewaltverherrlichung, „Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr“: Eine glatte Überdosis aus Sicht der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die das Album „Liebe ist für alle da“ auf den Index setzte. Ein harter Schlag für die sechs Berliner? Eine Fußnote, mehr nicht. Ein paar Krokodilstränen vergießen, Mund abputzen und sich über dufte Werbung freuen. Ein Umsatzkiller ist das garantiert nicht für eine Gruppe, die spielend jede Halle ausverkauft.

Klanggewitter und Flammenwerfer-Stakkato

Wer eine Rammstein-Karte ergattert, gibt sie nicht mehr her. Für eine selten gesehene Zahl von Optimisten vor der Halle, gern bereit, Schwarzmarktpreise hinzublättern, wird’s ein kalter, frustrierender Abend. Umso mehr treiben Klanggewitter und Flammenwerfer-Stakkato nach dem Motto „Feuer frei“ denen drinnen den Schweiß aus den Poren. Kulminationspunkte der dröhnenden Düsternis: „Ich tu dir weh“ – Indizierungsgrund Nummer eins, bei dem Lindemann und Keyboarder Flake Lorenz wieder genüsslich ihre Täter-Opfer-Beziehung ausleben. Vor allem aber „Wiener Blut“, Rammstein-typische, brutalstmögliche Verarbeitung des Inzestfalls von Amstetten. Hinter gutbürgerlicher Fassade mit Grammophon und Lampenschein entfesselt die Band einen Alptraum, in dem strangulierte Babypuppen von der Decke baumeln.

Schwer verdauliche Kost, zu viel des Schlechten? Die Antwort folgt auf dem Fuß: „Non, je ne regrette rien“ schmettert Lindemann in bester Piaf-Manier den „Frühling in Paris“. Der vielstimmige Chor fällt ein – Chanson-Advent in Frankfurt...

In riesigen Metallflügeln verglüht

Das „Dankeschön, das war Rammstein aus Berlin“ nach gerade mal 70 Minuten ist wie (hoffentlich) so vieles an diesem Abend nicht ernst gemeint. Schluss ist erst 30 Minuten und zwei formidable Zugaben später. Nach dem lang gerockten „Sonne“ und „Haifisch“ samt Flakes Gummiboot-Ehrenrunde über den Köpfen der Fans wird „Engel“ zum grandiosen Schlussakt, bei dem Lindemann in den finalen Feuerstrahlen seiner riesigen Metallflügel verglüht.

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