Belcanto ohne Übertreibungen

Die lettische Mezzosopranistin Elina Garanca, begleitet von der Neuen Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Karel Mark Chichon, bekam in der Alten Oper Frankfurt Vorschusslorbeeren durch Beifallsstürme. Mit vollem Recht, wie sich erwies. Belcanto-Arien von Donizetti und Bellini interpretierte sie gestalterisch enorm sicher und vortrefflich artikuliert.

Garancas Mezzosopran vereint Fülle mit Wärme. Mühelos sind die Registerwechsel, die Höhe ist kraftvoll, ohne grell und gewalttätig zu wirken. Berührend vermittelte sie die melancholische Stimmung der Romanze „All’affitto è dolce il pianto“ aus „Roberto Devereux“. Differenziert bis zum leidenschaftlichen Ausbruch spürte sie in der Szene „Ah! Quando all’ara scorgemi...“ aus „Maria Stuarda“ Elisabeths Empfindungen nach. Kämpferisch tönte Romeo in Donizettis „I Capuleti e i Montecchi“. Die Wirkung war grandios; manieristische Übertreibungen hat die Lettin nicht nötig.

Das originelle Programm brachte auch Kostproben der Zarzuela. Ein lobenswertes Unterfangen, denn das spanische Gegenstück der Operette ist dem deutschen Publikum noch wenig bekannt. Da offenbarte sich besonders genussvoll die Vielseitigkeit der jungen Künstlerin. Mit Leichtigkeit, Eleganz und Witz, sprühend von Temperament, trug sie die Delikatessen vor, mischte in der Romanze aus Chapís „El Barquillero“ Sehnsucht und Leidenschaft, brillierte mit orientalisch beeinflussten Koloraturen. Höhepunkt waren Glanzstücke aus Bizets „Carmen“. Auch in diese Rolle schlüpfte sie überzeugend – leichtfertig, verführerisch, aber nicht verrucht. Hinreißend die Seguidilla, frech hingeträllert, dem Liebhaber quasi an den Kopf geworfen, und doch mit aufblühendem Ton.

Sympathisch war auch die Ausgewogenheit vokaler und instrumentaler Anteile, die Orchester und Dirigenten aus ihrer Nebenrolle befreite. Chichon war nicht nur ein geradezu rührend aufmerksamer Begleiter, der perfekt auf solistische Kadenzen und Ritenuti eingestellt war und das Orchester beharrlich zugunsten der Singstimme dämpfte. Als engagierter Interpret brachte er seine Musiker auf Hochtouren.

Die Ouvertüren von Rossinis „Barbiere“ und „Tell“ sowie die „Carmen“- Vorspiele waren dynamisch und klanglich sorgfältig ausgearbeitet, leidenschaftlich und mitreißend. Mit zündendem Zarzuela-Spiel profilierten sich die Westfalen auch bei den Auszügen aus Chapís „La Revoltosa“ und Giménez’ „La Boda de Luis Alonso“.

EVA SCHUMANN

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