„Die zwei Leben des Daniel Shore“

Aus der Bilderflut an Land krabbeln

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Der Geheimnisvolle: Nikolai Kinski in dem Verwirrspiel des Münchner HFF-Absolventen Michael Dreher.

Nikolai Kinski ist der Sohn des großen Klaus Kinski und zeigt sich in "Die zwei Leben des Daniel Shore" ab kommendem Donnerstag erstmals im Kino.

In Deutschland ist er der Sohn. Noch. In allen anderen Ländern, in denen Nikolai Kinski (33) auf der Bühne stand, nimmt man den jungen Mann seines bemerkenswerten darstellerischen Könnens wegen wahr. Nur hier nicht. Denn in Deutschland war sein Vater, der Schauspiel- Berserker Klaus Kinski, zuhause. Weshalb man in Nikolais intensivem Blick unwillkürlich nach dem leicht irren Flackern des Vaters sucht.

Im ersten Kinofilm des hoch dekorierten HFF-Absolventen Michael Dreher, „Die zwei Leben des Daniel Shore“, kann man das ab Donnerstag im Kino überprüfen.

Michael Dreher und Sie kennen sich schon von der Zusammenarbeit bei Projekten wie „Jesus Christus Erlöser“.

Das war im Frühjahr 2000. Ich war in New York und spielte Theater. Drei Tage vor der Premiere tauchten plötzlich Peter Geyer und Michael Dreher auf und wollten einen Film über mich drehen. Ich war nur an meiner Kunst interessiert, die nur an meiner Vergangenheit. Ich verachtete sie für ihre deutsche Direktheit, und sie mich für meine kalifornische Mentalität. Es war sicherlich alles andere als Liebe auf den ersten Blick, aber wir sind bis heute ziemlich unzertrennlich.

Was hat Sie an der Figur des Daniel Shore besonders gereizt?

Die Spannung kommt aus dem Verlangen des Zuschauers, Daniel Shore besser zu verstehen. Meine Aufgabe war es also, den Zuschauer während des ganzen Films über Daniels Motive rätseln zu lassen.

Wie bereitet man sich auf eine so wenig greifbare Rolle vor?

Der Zuschauer sieht vieles durch Daniel, nimmt nicht nur ihn, sondern durch ihn wahr. Daniels Paranoia muss sich in den Köpfen der Betrachter ebenso entfalten wie in seinem eigenen. Also habe ich Daniels Abstieg ganz vorsichtig, kontinuierlich fließend aufgebaut, damit der Zuschauer nicht durch etwaige Sprünge aus Daniels Wahn gerissen wird.

Haben Sie sich entschieden? Bildet Daniel sich alles nur ein, oder vergreift sich der Nachbar an dem kleinen Jungen?

Die Idee des Films ist, dass jeder, der aus den Bilderfluten wieder an Land krabbelt, selbst entscheiden muss, was er gesehen hat und an meiner Stelle getan hätte.

Ist es für Sie in Deutschland einfacher, sich als Schauspieler durchzusetzen, wo der Name Kinski jedem ein Begriff ist – oder war es in den USA einfacher, gerade weil Ihr Vater dort weniger bekannt war als hier?

Es ist hier viel schwieriger. Ich erinnere mich noch gut, wie neugierig die amerikanische Presse mit mir als Schauspieler umgegangen ist, als mein Film „Tortilla Soup“ sich plötzlich zum Überraschungserfolg entwickelte. Hier hingegen war ich zunächst nur als Wiedergänger interessant. Aber der leichteste ist nicht der interessanteste Weg. Ich lebe dennoch lieber in Berlin als in L. A.

In einer fremden Sprache zu spielen, beinhaltet von vorneherein ein Risiko. Wenn man sich darauf einlässt, kann man wahnsinnig viel lernen. Man muss sich zunächst sehr viel mehr mit Inhalt beschäftigen, also detailgenau mit dem, was tatsächlich im Text drinsteckt. Hat man das irgendwann drauf, ist es sehr befreiend, Sachen auszuprobieren und sich so diese Sprache Stück für Stück zu erarbeiten. Für mich ist das die größte Herausforderung, die ich mir vorstellen kann: Durch eine andere Mentalität, eine neue Sprache und Kultur neue Denkwege zu finden. Sprache strukturiert das Denken. Eine neue Sprache ist wie eine neue Weltsicht.

Kennen Sie mittlerweile alle Filme Ihres Vaters?

Das war nie mein Ziel. Dafür hat er auch zu viel Müll gedreht.

Ist er für Sie künstlerisch ein Vorbild?

Für einen jungen Schauspieler sollte jeder große Schauspieler ein Vorbild sein. Das ist in jedem Beruf so, dass man etwas lernen kann, wenn man den Besten zuschaut. Das gilt aber für so viele, dass ich meinen Vater nicht extra hervorheben muss.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum er heute noch als ein solches Phänomen gilt?

Sein Biograf Peter Geyer, der „Jesus Christus Erlöser“ drehte, meint, dass es daran liegt, dass mein Vater die letzte nonkonformistische Erhöhung der deutschen Unterhaltungsindustrie war. Ich glaube, er hat Recht damit. Wer sich zu meinem Vater bekennt, zeigt, wie kreativ, unbeugsam und unverstanden er selbst ist. Insbesondere für junge Zielgruppen bietet mein Vater ein einzigartiges Identifikationspotenzial. Er hat alle Attribute eines Rockstars, das ist selten in der Schauspielerei.

Das Gespräch führte Ulrike Frick.

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