Von großer Philosophie bis zum Hass auf die Ex

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Die kanadische Band Billy Talent spielte in der ausverkauften Frankfurter Festhalle.

Minimiert und überhitzt atmet sich das Luftgemisch im Epizentrum vor der Bühne der ausverkauften Frankfurter Festhalle. Seit Stunden harren die Zuhörer zwangsweise auf Tuchfühlung miteinander aus. Ohne Murren lassen sie die Vorgruppen Silverstein und Cancer Bats über sich ergehen. Von Ferdinand Rathke

Da kippt der eine oder andere schon mal um, wenn die hastig voranschreitende Dehydratation schlicht überhand nimmt, weil der Gang zum nächsten Getränkestand sowie zu den hoffnungslos blockierten Toiletten länger dauern würde.

Als das Licht erlischt und das wie ein Monument für die Ewigkeit zementierte Gitarren-Intro von „The Devil In A Midnight Mass“ ertönt, kommt Bewegung in die Masse. Kollektiv kullern Schweißperlen wie Sturzbäche den Rücken hinab, um in die Socken zu rinnen. Triefnasse Haare Umstehender klatschen in gerötete Gesichter. Ziellose Ellbogenhaken, rhythmisches Geschubse mit dem Oberkörper und geballte Fäuste lassen sich im Kampfgetümmel nicht mehr zählen.

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Billy Talent in Frankfurter Festhalle

Obwohl die Gefahrenzone nahezu ausschließlich Mutige männlichen Geschlechts beherbergt, dominiert in Frankfurts größter Mehrzweckhalle eindeutig das weibliche Geschlecht. Schließlich mischt das kanadische Ensemble Billy Talent mittlerweile im Mainstream mit. Das schlägt sich nicht nur in Verkäufen in Millionenhöhe vor allem im Heimatland, in Deutschland, Österreich und der Schweiz nieder, sondern macht sich auch in der penetranten Anwesenheit eines örtlichen Rundfunksenders bemerkbar macht, der das Konzert gegen Mitternacht als Mitschnitt überträgt. Den Daheimgebliebenen bleibt zumindest der Dauerbeschuss der Trommelfelle jenseits der Belastungsgrenze erspart.

Reflexartig setzt sich Adrenalin frei. Doch regiert der Rausch der Hormone nicht nur vor, sondern auch auf der Bühne. Da die Zeit mit 70 Minuten recht knapp bemessen ist, gelangt das Quartett vom ersten Takt an auf Hochtouren. Philosophisches steht auf der Tagesordnung wie in „This Suffering“, wo Frust, Wut, Hass und Schmerz von Jugendlichen thematisiert werden; ein Stück, das als Hymne der Manisch-Depressiven gilt. Auch die Liebe kommt nicht zu kurz, wenn Sänger Benjamin Kowalewicz seinen Aggressionen gegen die ehemalige Freundin in „The Ex“ freien Lauf lässt. Dann wird aus dem schüchternen Zeitgenossen ein zum hysterischen Urschrei neigender nervöser Freigeist, der nur noch unter die Gürtellinie zielende Schimpfwörter für die Geschmähte findet.

Spaßgesellschaft fordert ihren Tribut

Angestachelt durch harsche Aussagen, aber auch kollektiv angeregt durch fragwürdige Vorbilder, zynische TV-Unterhaltungsformate und martialische Computerspiele, stürzt sich die Meute Zehnkämpfern gleich bis zur finalen Zugabe mit „Devil On My Shoulder“, „Fallen Leaves“ und „Red Flag“ wieder und wieder ins Gefecht, als wollte sie sich selbst übertrumpfen. Oder aber auch nur in kontrollierte Gefahr begeben, um im spontanen Schmerz sich wieder intensiv selbst zu spüren. Die auf außerordentliche Reize abonnierte Spaßgesellschaft fordert ihren Tribut von dem überforderten Nachwuchs – so oder so.

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