Silvester in der Offenbacher Johanneskirche

Anlässlich des 60. Jahrestags des Beitritts der Bundesrepublik zum Europarat boten Jürgen Blume und Andreas Benke Ausgefallenes zum Praeludium-Jahresabschluss in der Offenbacher Johanneskirche: Von Reinhold Gries

Einblicke in Komponistenwerkstätten anderer Länder in seltener Kombination von Orgel und Fagott. Nicht Marc-Antoine Charpentiers zur Europahymne umgewidmetes Te Deum stand am Anfang, sondern das Konzert a-Moll für Fagott und Orgel des italienischen Großmeisters Antonio Vivaldi. In rhythmischem Allegro-Läufen und Arpeggien ging es durch Tonarten, in fliegenden Wechseln zwischen den Instrumenten. Weiter zurück in frühbarocke Zeit führte die „Fantasia 5“ des Spaniers Bartolomeo de Selma e Salaverde. „Canzoni fantasie e correnti do suonar a 1, 2, 3, 4 voci con Basso continuo“ heißt die Sammlung, die Benke ausgezeichnete Gelegenheit zu virtuosen Kantilenen und Verzierungen bot – eine Schule der Geläufigkeit.

Nach Norwegen führte die Sonate op. 25 für Fagott und Orgel des Zeitgenossen Trygve Madsen, in der Vorbilder wie Prokofieff und Ravel ebenso durchschimmern wie Improvisationen Oscar Petersons. Auf fein ziselierte bis jazzige Tonfolgen des Allegretto folgten stilistisch verfremdende Staccati und perkussionistische Repetitionen.

Auf und Ab des Lebens

Zwischen den Klangfarben des Fagotts sowie Orgelflöten- und Fagott-Registern bewegte sich auch die Sonatina des zeitgenössischen englischen Komponisten S.K. Twiselton, im erstaunlich angenehmer, erweiterter Tonalität. Blume und Benke kosteten spieltechnischen Freiheiten flink und klangprächtig aus, ohne die klassischen Grundformen zu sprengen. Ähnliches galt auch für ihre Interpretation der chansonhaften Katzengeschichte „Histoire de Chats“ des Belgiers Francis Laper teaux, in eingängigem Orgel-Fagott-Duo Anleihen beim Tschechen Bedrich Smetana machend.

Für seine Fans hielt Musikprofessor Blume bemerkenswerte Orgelsoli bereit, übernahm sogar den Part des ausgefallenen Rezitators. Was er über Tief- und Höhepunkte des Lebens, verknüpft mit biblischem Hiob-Text und Hermann Hesses lyrischen Gedanken über die Lebensstufen vortrug, baute er auf der Orgel aus. Die sinfonische Klangfülle der dreiteiligen „Festival Toccata“ des Londoner Spätromantikers Percy E. Fletcher stand für Hoch-Zeiten des Lebens: Breite Akkordströme, fließende Arpeggien, schönes Legato und pulsierende Klänge ergossen sich über die entzückten Zuhörer.

In die Vollen ging Blume außerdem mit dem „Grand Choeur“ der Parisers Théodore Salomé, ließ dabei Flötenregister und Fugati frühlingshaft tanzen. Ernster gerieten die vier Sätze aus den „Meditaciones religiosas“ op. 122 der Pariser Organisten Louis James Alfred Lefébure-Wély. Das Auf und Ab des Lebens spiegelte sich in Liedern ohne Worte, klagendem Oboenrezitativ, metallischer Trompetenfanfare und gespenstischer (Toten-)Tanzweise. Fragmente, Motive und Stimmungen wechselten. Das bewegte und wurde heftig beklatscht.

Rubriklistenbild: © C.-Nöhren / Pixelio.de

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