Audienz beim Altmeister

Mainz - Passend zu Bob Dylans 70. Geburtstag brachte die deutsche Ausgabe des Musikmagazins Rolling Stone eine hübsche CD mit einigen Covers von Songs des Meisters heraus. Von Christian Riethmüller

Teils Abenteuerliches ist da zu hören und doch klingt selbst die schrägste Interpretation nachgerade zahm im Vergleich zu den Versionen, die Dylan gerade wieder selbst auf seiner aktuellen Europa-Tour zum Besten gibt. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen geht es Dylan nämlich nicht darum, mit einem einwandfrei zu erkennenden Best-Of--Programm das eigene Denkmal zu polieren, sondern eher um Belastungsproben: Wie weit kann ich einen Song umdeuten, ohne dass er seine grundsätzliche Identität verliert?

Nach diesem Motto verfuhr der Altmeister auch bei seiner seit Wochen ausverkauften Audienz im Volkspark in Mainz, wo er wie stets äußerst pünktlich und grußlos die Bühne erklomm, um dort mit seiner bewährten Band gleich einmal „Rainy Day Women # 12 & 35“ und dann „Don't think twice, it's all right“ nach allen Regeln der Kunst in Einzelteile zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen. Dylan klimperte dazu am Keyboard, das ihm Stütze und Turngerät zugleich war und ließ dazu jenes Grummeln und Geheule ertönen, zu dem seine Stimme nur mehr fähig scheint. Doch diese Ruine eines Organs nahm wie stets gefangen. Als lauschte man einem schamanischen Beschwörungsritual, leierten die Melodienbögen, die eher Skalen als der ursprünglichen Komposition gleichen, übers weite Feld, formten sich doch noch zu Klassikern wie „Tangled up in Blue“, „Highway 61 Revisited“ oder „Like a Rolling Stone“ und strömten dabei immense Vitalität aus.

Die speiste sich beim etwa zweistündigen Mainzer Konzert auch aus der bestens aufspielenden Band, die den Songs diesmal einen an Jump'n'Jive ohne Bläser und frühem Rock'n'Roll orientierten Sound verpasste, mit dem die entspannten Licks von Gitarrist Charlie Sexton trefflich harmonierten. Bei soviel Schwung wollte Bob Dylan auch nicht zurückstehen, hämmerte auf sein Keyboard ein, rupfte hingebungsvoll die E-Gitarre oder blies - man traute seinen Ohren kaum - wie einst Mundharmonikasoli. Die klangen vielleicht abenteuerlich, aber doch aus tiefster Seele wahrhaftig. Wer hören wollte, durfte mit seligem Lächeln feststellen, dass dieser große Künstler auch als betagter Mann Einmaliges vollbringen kann. Und wer nicht hören wollte, muss eben zum „Greatest Hits“-Album greifen.

Rubriklistenbild: © AP/dapd

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