Botschaft geht leider verloren

Ein Akteur mit wuchtiger Afroperücke sucht nach Opfern. Wer den Anflug einer Reaktion zeigt, hat verloren – und findet sich als Statist auf der Bühne des Offenbacher Capitols inmitten eines wüst gekleideten Ensembles, welches versucht, das Rock-Musical „Hair“ 42 Jahre nach der skandalösen Premiere am Broadway zu reanimieren. Von Ferdinand Rathke

Eingeschworen auf einen vergangen geglaubten Zeitgeist hat das im Foyer wie radikale Studenten agierende ungarische Island Musical Theatre in Hippie-Garderobe. In Endlosschleife abgespulte Klassiker wie „Whole Lotta Love“, „Me And Bobby McGee“, „San Francisco“ und „All You Need Is Love“ stimmen auf das Szenario ein. Da wirkt die ätherische Hymne „Aquarius“ wie ein Zufall.

So mancher im Auditorium ahnt, dass die Inszenierung von Regisseurin Erika Galamb vergeblich die glorreiche Vergangenheit bemüht. Instinktiv nehmen die noch von der ersten Interaktion geschockten Zuschauer wahr, dass die Kulissen spärlich sind, die Hintergrundmusik vom Band läuft und das schlecht verständliche Englisch den Zugang zum epochalen Musical erschwert.

Ein Happening folgt auf das nächste in hölzernen Dialogen. Dennoch lässt sich erahnen, dass die Ära von Anarchie, Marxismus, Studentenunruhen und Werteauflösung spannend gewesen sein muss für die, die sie miterlebten. Auf die Nacktszenen, die ein pfiffiger Dramaturg erst zur Premiere provokativ eingebaut hat, wird nicht verzichtet: Hauptdarsteller Pintér Tibor kann sich dank Gardemaß hüllenlos sehen lassen.

Verloren geht beim leider um Schlüsselszenen gekürzten Spektakel die Botschaft: Die 1965 in New York angesiedelte Geschichte um die Einberufung zum Militär mit anschließender Verschickung nach Vietnam kommt zwischen Drogenkonsum und Fummeleien der Kommunarden gleich welchen Geschlechts zu kurz.

Spannung keimt erst nach der Pause auf, wenn Hippieführer Berger irrtümlich nach Fernost geschickt wird und auf dem Schlachtfeld stirbt. Untermalt von Evergreens wie „Hare Krishna“, „Ain’t Got No“, „Manchester England“, „Three-Five-Zero-Zero“ sowie „Let The Sunshine In“ lässt sich das anfangs enttäuschte Publikum mitreißen.

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